 
Seine Hoheit Tariq Ramadan, Kalif aller sunnitischen Muslime, schreibt an den Präsidenten der USA
Liebe Freunde!
Meine Herrin ist gestern von ihrer Reise in die Pyrenäen durch Schneesturm und finstere Nacht zu Hause angelangt, und gleich muß sie mich wieder maßregeln. "Schaf", sagt sie streng, "berichte mir, was die letzten Tage islamisten- und maisausreißermäßig los war, oder weißt du etwa nichts?"
Das ist nun aber sehr gemein; denn sie, die sich an Bohnen aus Tarbes (ich sage nur "d´Artagnan!"), Zwiebeln aus Trébons und Schinken, Wurst und Schweinefleisch aus Bonnemazon en Bigorre gütlich tut und dann noch bis fast an den Atlantik fährt, um Freunde zu besuchen, die auf unserer Site mit schönen Gemälden prunken, sie läßt den Ferni und das Radio nicht eingeschaltet. Meint Ihr, sie hätte bis heute gerafft, daß ich mit meinen Klauen keinen Ferni und kein Radio ankriege? Gelangweilt habe ich mich in meinem Pferch - na, wenigstens versorgt mit genug Heu und Wasser, so daß ich noch lebe. Als ich ihr das an ihren Menschenkopf werfe, antwortet sie nur: "Tu was, während ich den Koffer auspacke!" Nie geht sie auf mich ein, blök!
Wie immer fange ich mit dem Internet an, und schon werde ich fündig. Ein lieber Freund schickt nämlich an meine Herrin einen Link aus der ägyptischen Regierungszeitung "Al-Ahram" mit einem "Offenen Brief" Seiner Hoheit, Hazrat Tariq Ramadan, Kalif aller sunnitischen Muslime, an seinen Widersacher, den Kufar aus dem Dar ul-Harb George W. Bush zu dessen Inauguration als Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika.
Ihr wißt vielleicht noch, wer Tariq Ramadan ist. Meine Herrin hat einiges über ihn zusammengetragen. Ihr könnt das in ihrem Archiv nachlesen. Tariq Ramadan wird in den arabischen Staaten wie ein Herrscher empfangen, wenn Er sie für würdig genug hält, ihnen seine Aufwartung zu machen. Er ist der Enkel des Hassan al-Banna, der Sohn des Said Ramadan und der Bruder des Steinwerf-Hani: immer ruff uff die Frauen - aber vorher schön einbuddeln bis zum Hals!
In Augenhöhe verhandelt Seine Hoheit mit dem Präsidenten der USA, der im November 2004 mit großem Stimmenvorsprung wiedergewählt wird. Seine Hoheit, der Kalif aller Muslime dagegen ist selbsternannt. Wahlen, gar demokratische, kommen in seiner Welt nicht vor. Das macht aber nichts; denn es regiert eh Allah - wer immer das nun wieder ist. Danach muß ich meine Herrin einmal fragen. Nie erzählt sie freiwillig.
Am wichtigsten religiösen Feiertag der Muslime, dem das Ende der jährlichen Pilgerfahrt markierenden Eid ul-Adha oder Id uz-Zoha, der Zelebrierung des Opfers durch Ibrahim, finde die Inauguration des George W. Bush statt, erklärt er ein wenig vorwurfsvoll, weil dieser Amerikaner so gar nichts damit anzufangen weiß. Im Gegensatz zum "Guardian" belehrt uns das heimliche Sprachrohr der britischen Muslime, die Londoner BBC, daß es sich nur um das zweitwichtigste Fest handele, und daß es vom 21. bis 24. Januar stattfinde - macht aber nichts, es ist wie mit Jerusalem, das ist bis zur Entstehung eines nie dagewesenen arabisch-palästinensischen Nationalismus auch nicht wichtig und rangiert nun an dritter Stelle. Das Religionsgericht, der "Higher Judiciary Council" in Saudi-Arabien habe das hohe Fest aus Sicherheitsgründen um einen Tag vorverlegt. Ich Schaf vermute, sie haben es deshalb getan, damit der Eid ul-Adha Tag am selben Tag ist wie die Vereidigung des US-Präsidenten für seine zweite Amtszeit: "a strange twist of fate", indeed!
Seine Hoheit macht dem US-Präsidenten Vorwürfe, daß dieser ihm nicht die Gründe mitteilt, warum er in den USA keinen Zutritt hat oder gar von ihm empfangen wird. Na, es ist doch das mindeste, daß ein Kollege einem Kollegen die Gründe nennt, blök!
Der Kalif kann sich nicht abfinden mit dem Schmäh, obgleich er doch weiß, daß nichts gegen ihn vorliegt. Das nämlich bestimmt Er: "Meine Akte ist leer". Von Herrscher zu Herrscher erinnert er George W. Bush an dessen Gewissen: "Vor was haben Sie Angst? Ist es so, daß akademische Meinungsfreiheit für Sie eine Gefahr geworden ist?" Er fragt das schon deshalb, weil er das ohne George´s Antwort nicht beurteilen kann, findet schaf doch in keinem der Länder seines Kalifats Meinungs- und Pressefreiheit. Wie soll er da wissen, was in dem US-Präsidenten diesbezüglich vorgeht?
Er, der "muslimische Intellektuelle", dessen Dissertation von Islamwissenschaftlern der Genfer Universität als demagogisches islamistisches Propagandawerk zur Verherrlichung der Muslimbrüder abgelehnt wird, dieser Dawa-Prediger, der dank der Unterstützung des Mehrzwecknützlings Jean Ziegler und dessen Frau in Bern und Fribourg bei den geistesverwandten Professoren Reinhard Schulze und Richard Friedli willfährige Gutachter findet, hält sich für einen Intellektuellen. Was schaf alles lernt!
"What are you doing to your country, Mr. President?" fragt Hazrat Tariq Ramadan mahnend. Das Entgegenkommen der Muslime, die, "wenn auch schüchtern", die Attentate des 11. September 2001, Terrorismus und Extremismus verurteilen, gibt ihnen das Recht, vom US-Präsidenten zu erfahren, warum ihre Glaubensbrüder es schaffen, die USA so zu strafen und heimzusuchen: "Wie waren solche verabscheuenswürdigen Akte möglich? Wer war verantwortlich für die vielen und wiederholten Informationsdefizite?" Damit ist klar, daß die Schuld beim US-Präsidenten und seiner Administration liegt. Da der Kollege sich nicht um sein Volk kümmert, muß Seine Hoheit dieses vertreten und zu seinem Fürsprecher werden: "Das Volk der Vereinigten Staaten wie der Rest der Welt bedurften der Erklärungen, der Transparenz und Wahrheit."
Wenn schon in den arabischen Staaten weder Transparenz noch Wahrheit in der Politik herrschen, verlangt er das wenigstens von den USA und dessen Herrscher. Er wirft diesem und den Regierungsmitgliedern gesetzwidriges, unberechenbares Handeln und zwielichtige Geschäfte vor. Da denkt er sicherlich an die gesetzeskonformen, berechenbaren und klaren Handlungen und Geschäfte der saudischen, ägyptischen, libyschen und syrischen Herrscher, vielleicht auch des französischen Präsidenten. Könnte sich der US-Präsident doch dazu aufschwingen, dieses Niveau zu erreichen, blök!
"This is not a good time to be a Muslim in the United States", erklärt er beschwörend. Warum will seine Hoheit dann dort Einlaß finden, fragt schaf. Wäre es nicht besser für ihn, aus Genf nicht in die USA, sondern in die islamischen Staaten zu übersiedeln, wo keine Verbrechen begangen, keine Folterungen ausgeführt und keine Todesstrafen vollstreckt werden? Dort herrscht in den Gefängnissen kein Horror wie "von Afghanistan bis Guantanamo". Hazrat Tariq Ramadan spricht auch für die US-Soldaten im Irak, die "nicht in erster Linie verantwortlich" seien: "Jemand an der Spitze Ihrer Administration hat zweifelsohne Grünes Licht gegeben".
Ihr seht, liebe Freunde, der Kalif kümmert sich unterschiedslos um alle, ob gläubig oder ungläubig, alle werden recht geleitet. Das muß er auch, spielt doch sein Kollege im Dar ul-Harb nur mit Gefühlen und setzt nicht auf Intelligenz. Darum, und darum allein, gewinnt George W. Bush die Wahlen. Die Bürger der USA sind ebensowenig intelligent wie ihr Präsident, sonst hätten sie diese Machenschaften durchschaut. Die Bildung und Intelligenz der arabischen Welt würde andere Ergebnisse bei Wahlen zeigen - fänden denn welche statt.
Aber Seine Hoheit gibt die Hoffnung nicht auf, daß seine muslimischen Brüder und Schwestern in den USA Ansprechpartner finden, die seiner Kritik gegenüber offen sind und lernfähig. Wenn´s sein muß, helfen einige Millionen Petrodollar nach. Ihm selbst ist ja leider der Zutritt verboten, sein kritischer und konstruktiver Beitrag eines "europäischen Muslims" ist dort nicht erwünscht.
So teilt Seine Hoheit dem US-Präsidenten nun abschließend mit, daß er darauf verzichte, noch einmal einen Versuch zu unternehmen, sich in dessen Land niederzulassen. Das hat der nun davon!
Die Muslime scheren sich sowieso nicht um die Launen des Präsidenten, sondern leben ihren Glauben, der stärker ist. Er hofft, daß seine muslimischen Brüder und Schwestern unterscheiden zwischen der Bush-Administration und dem "amerikanischen Volk" und "einen Dialog mit denjenigen seiner Mitbürger führen, die nicht blind gemacht wurden." Einen Rat wirft er ihm noch scheinbar leichthin nach: er möge seine Politik ändern. Das kann schaf auch als Drohung auffassen.
Über José Bové und die Maisausreißer, über Greenpeace, die Bauernkonföderation und ihre mutigen, wenn auch fehlgeschlagenen Piratentaten in den Wellen des Atlantik zur Verbesserung Europas berichte ich Euch demnächst.
Blök!
Euer Schaf
Kateb kafar
16 Dhul-Hijjah 1425 H. - 26. Januar 2005
Ma´axez
Manolo Yanes - galería virtual
http://perso.wanadoo.fr/manolo.yanes/
Open letter to President George W. Bush From an "expelled" Muslim to an elected American. Tariq Ramadan. Al-Ahram Weekly Online, 20 - 26 January 2005, Issue No. 726
http://weekly.ahram.org.eg/2005/726/op11.htm
Islam. The Hajj ending in Eid-ul-Adha - 21st - 24th January 2005
http://www.bbc.co.uk/schools/religion/islam/eid_haj.shtml
Eid ul-Adha, from Wikipedia
http://en.wikipedia.org/wiki/Eid_ul-Adha
The Saudi Arabia Information Resource
http://www.saudinf.com/main/y7761.htm
Saudi security braced for hajj. Brian Whitaker. The Guardian, Tuesday January 18, 2005
http://www.guardian.co.uk/saudi/story/0,11599,1392816,00.htm l
Saudi Arabia announces that Thursday is the first day of Eid al-Adha. Regional-Saudi Arabia, Religion, 1/15/2005
http://www.arabicnews.com/ansub/Daily/Day/050115/2005011511. html
Riyadh Says `Eid Al-Adha Falls Thursday. IslamOnline.net, 15 January 2005
http://www.islamonline.net/English/News/2005-01/15/article01 .shtml
Mein Archiv findet Ihr hier:
http://www.eussner.net/schaf_sectionindex.html
|