Homepage von Gudrun Eussner
Gudrun Eussner
Links
Homepage von Gudrun Eussner
Was das Schaf zu blöken hat...√∂ken hat...

"Didier Julia läßt sich bitten"

Liebe Freunde!

Manchmal kann ich meine Herrin wirklich verstehen, wenn sie ausrastet. Ich sitze in meinen Pferch, grummele in meinem Heu und schaue nicht oft fern, weil da ja sowieso nur bl√∂der M√ľll zu sehen ist. Gestern beispielsweise wird schaf von einer Franka Potente, in der Johannes B. Kerner Show, √ľber "den Amerikaner" aufgekl√§rt. Da stelle ich mir gleich vor, was dabei herausk√§me, wenn sie die Menschheit √ľber "das Schaf" aufkl√§rte. Ich w√§re bestimmt nicht portr√§tiert!

"Herrin", blöke ich besorgt, "was hast du denn?" Ich sehe, sie hängt ziemlich in den Sielen.

"Ich sehe die Farce um Florence Aubenas", erwidert sie schwach. "Es ist wirklich nicht mehr zu unterbieten. Gestern tritt der Premierminister Jean-Pierre Raffarin im Fernsehen auf und ersucht die Entf√ľhrer energisch, sich an die franz√∂sische Regierung und nicht an Didier Julia zu wenden. In einer solchen Lage meint dieser Mensch, der noch keinerlei Beitrag zur Befreiung irgendeiner Geisel geleistet hat, er k√∂nnte Bedingungen stellen.

Bedingungen stellen er und die französische Regierung auch an Didier Julia. Sie fordern ihn dringend auf, mit der Direction générale de la sécurité extérieure (DGSE) zusammenzuarbeiten. Nichts anderes macht er umgehend, auf eigene Initiative. Am Tag nach dem Erscheinen des Videos, auf dem ihn die Geisel dreimal bittet, ihr zu helfen, hat er eine lange Unterredung mit Pierre Brochand, dem Direktor der DGSE und Freund des Präsidenten, sowie mit Mitarbeitern der DGSE.

Unmittelbar nach der R√ľckkehr der beiden Geiseln Christian Chesnot und Georges Malbrunot aber, am 22. Dezember 2004, untersagen sie ihm jedweden Kontakt und schm√§hen ihn lauthals, allen voran Georges Malbrunot, den der Au√üenminister Michel Barnier im Flugzeug entsprechend pr√§pariert. Didier Julia sowie seine Mitarbeiter Philippe Brett und Philippe Evano werden juristisch verfolgt, sie werden in Untersuchungshaft gesteckt und ihre Wohnungen spektakul√§r durchsucht. Der ´Admiral´ und Antiterrorismusrichter Jean-Louis Brugui√®re sitzt jetzt vor dem "dossier vide", der leeren Akte, um den Fall regierungskonform zu verschleppen."

"Das kann ich gar nicht glauben", werfe ich zweifelnd ein, "wieso machen sie das denn? Warum sind sie nicht jedem dankbar, der ihnen aus den Folgen ihrer verfehlten Politik heraushilft?"

"Sie scheinen es au√üenpolitisch n√∂tig zu haben vorzugeben, da√ü sie keine Paralleldiplomatie betreiben. Damit w√ľrden sie n√§mlich zugeben, da√ü sie bis heute beste Kontakte zum "Widerstand" im Irak haben, und da√ü sie auf Grund ihrer wirtschaftlichen und strategischen Interessen dazu beitragen, da√ü sich die Lage im Irak nicht beruhigt. Man s√§he ebenfalls, da√ü ihre Politik Syrien und dem Libanon gegen√ľber sie in eine Sackgasse gef√ľhrt hat.

"Aber Jacques Chirac hat das doch prima hingekriegt: einerseits persönlicher Freund von Rafik Hariri zu sein, der bis zu seiner Ermordung Demokratisierung und Loslösung des Libanon von Syrien betreibt, und andererseits freund mit Bashir al-Assads Regime", blöke ich erfurchtsvoll.

"Schaf", sagt meine Herrin, "was ist dir? Dieser verlogenen Politik ist es geschuldet, daß im August 2004 die beiden Journalisten als Geiseln genommen werden. Syrien sieht doch, daß Frankreich sich im Libanon an seine Stelle setzen will, und warnt davor, der Resolution Nr. 1559 des UN-Sicherheitsrates und ganz allgemein der Abkopplung des Libanon von Syrien zuzustimmen. Als das am 2. September 2004 mit der Stimme Frankreichs doch geschieht, platzt die vorgesehene Freilassung der Geiseln, und Didier Julia bekommt die Schuld daran zugeschrieben.

Die Ermordung des Rafik Hariri ist ebenfalls eine direkte Folge der Politik Frankreichs. Mit Jacques Chirac befreundet zu sein, ist f√ľr Leute im Nahen Osten heutzutage lebensgef√§hrlich."

"Aber jetzt zeigen sie doch deutlich, daß sie mit Didier Julia nichts zu tun haben wollen und beabsichtigen, auf andere Weise Politik zu machen, oder?", blöke ich leise.

"Nein, Schaf, sie tun nur so, meine ich, als wenn sie mit Didier Julia nichts zu tun h√§tten. Ich kann das f√ľr die Geisel auch nur hoffen; denn der Mann ist wirklich der einzige, der √ľberhaupt etwas machen kann. Er hat in der Geiselaff√§re Christian Chesnot/Georges Malbrunot bis nach (!) deren R√ľckkehr, am 22. Dezember 2004, die Dreckarbeit gemacht. Der Dank des Vaterlandes ist ihm gewi√ü."

"Herrin, warum str√§uben sie sich denn dagegen, da√ü die Mitarbeiter von Didier Julia ihrer gerichtlichen Auflagen entledigt werden? Sie d√ľrfen bis heute nicht mit ihm reden, und bei den Verhandlungen in Damaskus mitmachen, k√∂nnen sie ebenfalls nicht. Sie m√ľ√üten sich auch endlich neue P√§sse beschaffen, ihre alten waren doch schon beim vorigen Einsatz nicht mehr g√ľltig," frage ich, "und ob ihnen die franz√∂sischen diplomatischen Vertretungen diesmal wieder so selbstlos helfen w√ľrden wie bei den Verhandlungen √ľber die Freilassung von Christian Chesnot und Georges Malbrunot, ist ungewi√ü."

"Schaf, diese selbstverst√§ndlichen Bedingungen bezeichnet Hassane Zerrouky, von der Zeitung des PCF ´L´Humanit√©´, als ´Erpressung´. Es sei angesagt, sofort und bedingungslos einzuschreiten. Du siehst, schon wieder ist so ein Medienvertreter neunmalklug. Florence Aubenas´ Bitte an Didier Julia stamme nicht von ihr, sondern sie sei ihr von den Entf√ľhrern diktiert, wei√ü der Journalist. So enthebt er die Kollegin allen Verdachtes, sie k√∂nnte Didier Julia etwa vertrauen."

"Vielleicht hat er gute Kontakte vorort", vermute ich, "bessere als Didier Julia, und man sollte ihn, Hassane Zerrouky, mit den Verhandlungen beauftragen?"

"Nein, Schaf, er geh√∂rt zu der Riege der Besserwisser, die vor dem Pariser Rathaus f√ľr die Freilassung der Journalistin tanzen, ein solcher ist auch Serge July, Florence Aubenas´ Chef. Der moniert, da√ü Didier Julia nicht sofort im Fernsehsender al-Jazeera, der ihn interviewt, an die Entf√ľhrer appelliert, die Geisel freizulassen: ´das ist eine Pflicht, die elementar scheint f√ľr jeden Abgeordneten.´

Siehst du, Schaf, so profiliert sich jeder, so gut er kann. Wer wird Serge July fragen, warum er die Journalistin am 16. Dezember 2004, noch vor der Freilassung ihrer beiden Kollegen, in den Irak geschickt hat? Hat er keine Verantwortung f√ľr Freiheit und Leben seiner Mitarbeiterin? Heute regt er sich mediengerecht √ľber Didier Julia auf.

Inzwischen untersuchen Experten des Verteidigungsministeriums das Video und ein weiteres, das schon vorher von den Entf√ľhrern aufgenommen wurde. Es ist so eine Art Kaffeesatzlesen ausgebrochen. Aber, so berichtet ein Sprecher des Ministeriums, die Equipe, die schon an der Befreiung der Geiseln Christian Chesnot und Georges Malbrunot gearbeitet hat, die hat ihre Arbeit weitergef√ľhrt."

"Da bin ich aber optimistisch", blöke ich erleichtert, "dann braucht man Didier Julia vielleicht gar nicht?"

"Ach, Schaf, diejenigen, die am lautesten erkl√§ren, Didier Julia habe keine neuen Nachrichten gebracht - wie sollte er das auch, hat er nie behauptet, er h√§tte welche -, die sich mit Sitzungen die Zeit vertreiben, die den Vertretern des Senats, der Nationalversammlung, der Regierungs- und der Oppositionsparteien einen Lagebericht √ľber die beiden Geiseln geben und die ´totale Mobilisierung der franz√∂sischen Dienste zur Auffindung der Journalistin der Lib√©ration und ihres irakischen F√ľhrers´ verk√ľnden, die entbl√∂den sich nicht zu wiederholen, da√ü Didier Julia herauszuhalten sei aus den Bem√ľhungen zur Befreiung der Geiseln. Dabei kann man nur hoffen, da√ü sie sich an ihr eigenes Geschw√§tz nicht halten," meint meine Herrin.

Letzter Stand

Schaf kommt aus dem Staunen nicht heraus, wie Syrer und/oder "Widerstandsk√§mpfer" mit Frankreich umspringen. Jetzt lassen sie, als ob sie Jacques Chirac eins auswischen wollen, die am 4. Februar 2005 entf√ľhrte Korrespondentin der linken Zeitung "Il Manifesto" Giuliana Sgrena frei. So einfach kann es gehen, man mu√ü nur kooperativ sein. In diesem Fall scheint L√∂segeld bezahlt worden zu sein.

Ihre Kollegen reagieren mit Freudentr√§nen. "Tutti per una" hei√üt die Devise. Dann wird bekannt, da√ü ein italienischer Geheimdienstoffizier stirbt und ein zweiter schwer verletzt wird, als US-Truppen den Wagen der Geisel und ihrer drei Begleiter, Mitarbeiter des italienischen Geheimdienstes Sismi, irrt√ľmlich beschie√üen. "Die Amerikaner w√§hnten (sic!) in dem Wagen irakische Guerillak√§mpfer und er√∂ffneten sofort das Feuer", schreibt Birgit Sch√∂nau. Silvio Berlusconi ist au√üer sich und fordert eine Erkl√§rung: "F√ľr diesen schrecklichen Irrtum wird jemand die Verantwortung √ľbernehmen m√ľssen." Wer, fragt schaf, √ľbernimmt die Verantwortung f√ľr die Entsendung von Journalisten, von M√§nnern und Frauen in solche hochgef√§hrlichen Gegenden?

Der Tod des Offiziers tut aber der Freude in Rom keinen Abbruch, wie man im Fernsehen sieht und in der "Zeit" liest. Man feiert trotzdem, die Kommunisten haben gerade einen Parteitag. Sie sind begeistert von der Freilassung. An den Geheimdienstoffizier, dessen Verhandlungsgeschick die Geisel ihre Befreiung verdankt, denkt kaum jemand. Er hinterl√§√üt eine Ehefrau und zwei Kinder. "Die Zeit", f√ľr die Giuliana Sgrena ebenfalls aus dem Irak berichtet, ist erleichtert. Sie erinnert an die immer noch festgehaltene Florence Aubenas. Der erschossene und der schwerverletzte Italiener werden vom √∂sterreichischen "Standard" nicht erw√§hnt, Florence Aubenas´ Dolmetscher und F√ľhrer Hussein Hanoun al-Saadi ebenfalls nicht. Leben haben unterschiedlichen PR-Wert.

Blök!
Euer Schaf
Parallelberichterstatter

4. März 2005

Dider Julia se fait prier. Par Hassane Zerrouky. L´Humanit√©, 4 mars 2004
http://www.humanite.presse.fr/journal/2005-03-04/2005-03-04- 457820

Le gouvernement √©carte Didier Julia dans l´affaire Aubenas. Reuters France, Fri March 4, 2005 10:17 AM CET
http://www.reuters.fr/locales/c_newsArticle.jsp?type=topNews &localeKey=fr_FR&storyID=7807450

Giuliana Sgrena, la journaliste italienne prise en otage en Irak, est libérée. Proche-Orient.info, 4 mars 2005
http://www.proche-orient.info/xjournal_pol_der_heure.php3?id _article=37611

Sgrena nach Freilassung unter US-Beschuß. Welt.de, 4. März 2005
http://www.welt.de/data/2005/03/04/605553.html

Giuliana Sgrena libre mais blessée, un agent italien tué. AP. NouvelObs.com, 4 mars 2005
http://permanent.nouvelobs.com/europe/20050304.FAP8670e.html ?2216

"Die Zeit" gl√ľcklich √ľber die Freilassung von Giuliana Sgrena. Redaktion und Verlag erinnern an verschleppte franz√∂sische Journalistin Aubenas. Standard.at, 4. M√§rz 2005
http://derstandard.at/?url=/?id=1973061

Freude und Trauer in Rom. Von Birgit Sch√∂nau f√ľr Zeit.de, 4. M√§rz 2005
http://www.zeit.de/2005/10/sgrena_verletzung


Hoch zum Seitenanfang Diese Seite drucken
Zurück zur vorigen Seite Zum Archivdieses Abschnitts Weiter zur nächsten Seite