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Gudrun Eussner
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Was das Schaf zu blöken hat...√∂ken hat...

Versuch zur Freilassung von Tarek Aziz und Florence Aubenas

Liebe Freunde!

Meine Herrin sperrt mich in letzter Zeit wieder in meinem Pferch ein. "Schaf", sagt sie, "drau√üen ist es nicht mediterran, sondern es ist fast so kalt wie in Berlin. Selbst wenn du ein dickes Fell hast, so ist es besser, du bleibst hier, guckst fern und schaust ins Internet. Dann habe ich dich besser im Blick, du machst dich n√ľtzlich und kannst nicht so viele Dummheiten machen."

Es ist n√§mlich so, da√ü sie den Besitzer des √§lteren Esels getroffen hat. Ihr wi√üt noch? Der war seinem Herrn entwischt. Dieses heimt√ľckische Tier hat zu Hause erz√§hlt, ich h√§tte ihn unter einem Vorwand aus seinem Stall gelockt, sonst w√§re er niemals entlaufen. Ich h√§tte ihn aufgestachelt, sich an junge Eselinnen heranzumachen, von wegen der Polygamie und so.

Das also ist der wahre Grund, daß ich mal wieder nichts mehr darf.

Im Ferni ist au√üer den Krimis nicht viel Erfreuliches zu sehen, nur so´n M√ľll wie "Ohne meine Tochter", wo der arme Doktor Bozorg Mahmoody erz√§hlt, wie´s wirklich ist mit der Ehe im Iran und seiner Tochter, die er nun 16 Jahre nicht sehen durfte, bi-tschareh. Meine Herrin und ich schauen das an, weil meine Herrin mir vom Iran schon manches erz√§hlt hat, und wir beide nun neugierig geworden sind. "Schaf", lacht sie laut auf, als sie den armen Agha-ye Doktor sieht, "der lief noch drei Tage vor den Aufnahmen mit Rauschebart herum, der ist ein getreuer Gefolgsmann der Ayatollahs - aber das ist ganz im Sinne von ARTE, die lassen nichts aus, sich an Islamisten und arabische Nationalisten anzubiedern, wir kennen es von ihrer zusammenhanglosen Berichterstattung √ľber die pal√§stinensischen Autonomiegebiete, von denen sie behaupten, die Zweite Intifada dort sei von Ariel Sharons Besuch auf dem Tempelberg ausgel√∂st worden. (1)

Schau doch mal, was der ehemalige Vizepremierminister des Irak Tarek Aziz macht."

Von dem habe ich noch nie geh√∂rt. "Ist der auch so ber√ľhmt wie Tariq Ramadan, der Bruder der jungen Muslime der Pariser und Lyoner Vorst√§dte?" bl√∂ke ich sch√ľchtern.

"Ja mindestens, aber ich merke, du hast meine Artikel √ľber Ma√ģtre Jacques Verg√®s, den Anwalt der hoffnungslosen F√§lle nicht gelesen. Er ist einer der Anw√§lte des Tarek Aziz. Ich mu√ü dich r√ľgen. Du solltest zum besseren Verst√§ndnis des jetzigen Aufhebens um den seit April 2003 von den Amerikanern in Bagdad inhaftierten Mikha√Įl Yuhanna alias Tarek Aziz, der ´Pique Acht´ in dem ber√ľhmten Kartenspiel der gesuchten Iraker, auch den Fall der Entf√ľhrung der Florence Aubenas einbeziehen; denn Tarek Aziz schreibt am 7. M√§rz in einem sehr kurzen handschriftlichen Vermerk an seine Anw√§lte, was schon Florence Aubenas verzweifelt rief: ´Help us!´ " (2)

"Hat der auch dreimal an Didier Julia appelliert?"

"Nein, jedenfalls nicht, da√ü ich w√ľ√üte. Didier Julia ist sowieso der Freund von Tarek Aziz, so da√ü er es gar nicht n√∂tig hat, ihn noch gro√ü zu bitten. Didier Julia f√ľhrt die Unterzeichnerliste des Appells der Franz√∂sisch-irakischen Freundschaftsgesellschaft, vom 19. Mai 2003, zur umgehenden Freilassung des ehemaligen Vizepremierministers des Irak an: (3)

Französisch-irakische Freundschaftsgesellschaft
Komitee f√ľr die Freilassung der durch die amerikanischen Besatzungstruppen im Irak gefangen gehaltenen Iraker

Appel zur Freilassung des Tarek Aziz
Da der von den USA gef√ľhrte Krieg gegen den Irak gem√§√ü internationalem Recht gesetzwidrig ist, ist es die Gefangenhaltung von irakischen F√ľhrungspers√∂nlichkeiten, Zivilisten und Milit√§rs ebenfalls.
Die amerikanischen Besatzungsstreitkr√§fte halten ehemalige irakische F√ľhrungspers√∂nlichkeiten und zahlreiche Zivilisten an geheimgehaltenen Orten gefangen (...)
Da wir dar√ľber informiert wurden, da√ü der Vizepremierminister Tarek Aziz vor kurzem Opfer zweier Herzanf√§lle gewesen ist, und da√ü ihm eine halbseitige L√§hmung droht und sein Gesundheitszustand alarmierend ist, fordern wir seine umgehende Freilassung.
19. Mai 2003"

"Na, wenn der solches unterschreibt oder sogar selbst verfaßt, dann muß schaf sich nicht wundern, wenn die französische Regierung mit ihm offiziell nichts zu tun haben will!"

"Richtig, und es wundert ebenfalls nicht, da√ü die ´Lib√©ration´, die sich in der Aff√§re um die Freilassung der beiden Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot f√ľr die franz√∂sische Regierung m√§chtig ins Zeug legt, um die Gruppe um Didier Julia nach dem ersten, mi√ügl√ľckten Freilassungsversuch zu diskreditieren, damit belohnt wird, am 16. Dezember die Journalistin Florence Aubenas in den Irak schicken zu d√ľrfen. Sie lassen wirklich nichts aus, alles niederzumachen, was Didier Julia im Auftrag oder zumindest mit Duldung des Pr√§sidenten Jacques Chirac je im Irak bewirkt. Daf√ľr bekommen sie ab dem 16. Dezember bis zu ihrer Entf√ľhrung, am 5. Januar, durch ihre Auslandskorrespondentin die Informationen aus dem Irak als erste und k√∂nnen sie an die √ľbrigen franz√∂sischen Medien verkaufen. Mit der Entf√ľhrung liegen sie finanziell ebenfalls gut im Verkauf; denn die Leserschaft erh√§lt aus der ´Lib√©ration´ immer brandneue Informationen √ľber die Geisel. Das ist ein wahrer Euro-Segen! (4)

Am 2. M√§rz setzt die ´Lib√©ration´, was Tarek Aziz und Didier Julia betrifft, nochmal nach, in dem sie abf√§llig schreibt: ´Der gaullistische Abgeordnete (das ist Didier Julia) r√ľhmt sich einer alten Freundschaft mit Tarek Aziz, dem ehemaligen Minister - gefangengehalten von den Amerikanern - des √Ąu√üeren des Saddam Hussein, und sowohl der Kreise im Milieu des ehemaligen irakischen Regimes als auch Syriens.´ Andererseits steht dort auch, da√ü der franz√∂sische Au√üenminister Michel Barnier nicht ausschlie√üe, da√ü Didier Julia in die Versuche zur Freilassung der Geisel eingeschaltet werde. Sicherheitshalber zeichnet den Beitrag niemand aus der Redaktion mit seinem Namen." (5)

"Die Libération ist eine Art Regierungszeitung?" blöke ich erstaunt, "schaf dachte immer, daß wäre eine Zeitung der Linken?"

Da kriegt meine Herrin ganz schmale Augenschlitze und erkl√§rt die Unterhaltung mit mir f√ľr beendet. Ich mu√ü also allein weitersuchen.

Es ist aber nicht viel zu finden, au√üer dem Exklusivbericht des RTL, dessen Mitarbeiter Jean-Alphonse Richard Gelegenheit zur Berichterstattung √ľber Tarek Aziz bekommt. Demnach schreibt der ehemalige Vizepremierminister des Saddam Hussein auf zwei kleinen Bl√§ttern eines Taschenkalenders in schlechtem Englisch einen Hilferuf an die "internationale √∂ffentliche Meinung", um, wie Jean-Alphonse Richard es formuliert, auf sich und "alle ehemaligen W√ľrdentr√§ger (anciens dignitaires!) des Saddam Hussein Regimes" und die schlechten Bedingungen ihrer Haft aufmerksam zu machen. Tarek Aziz fordert, wie er in dem Manuskript schreibt, einen "gerechten" Proze√ü.

"Klammheimlich" √ľbergibt Tarek Aziz das Manuskript einem seiner irakischen Anw√§lte, w√§hrend dessen Besuch im Bagdader Gef√§ngnis.

"Es ist nun schon eine lange Zeit, daß wir im Gefängnis sind und fern von unseren Familien, ohne Kontakte, ohne Telefon, ohne Briefe ... wir brauchen eine gerechte Behandlung, eine gerechte Untersuchung und schließlich einen gerechten Prozeß ... Help us", schreibe er als Schlußwort.

Am 13. M√§rz treffen sich seine Anw√§lte in Amman, wo sie erkl√§ren, der Gefangene leide heute unter Herzproblemen, genie√üe in der Gefangenschaft keine korrekten hygienischen Verh√§ltnisse und m√ľsse ununterbrochen seine Orte der Gefangenschaft wechseln. Der Termin seines Prozesses sei bis heute nicht festgelegt. (2)

Offensichtlich wird jetzt ein erneuter Versuch gestartet, Tarek Aziz, die ehemalige rechte Hand des Saddam Hussein, und die Geisel Florence Aubenas frei zu bekommen, was nicht ohne die Amerikaner möglich ist. Das ist eine viel kompliziertere Angelegenheit als die Freilassung der beiden anderen Journalisten.

Bei dem allen denkt schaf erstens an die grausame Behandlung und unmenschlichen Bedingungen, denen w√§hrend der Amtszeit des Tarek Aziz Hunderttausende von Irakern zum Opfer fielen, und zweitens an die Ewigkeiten, die in Frankreich vergehen, bevor sehr viel einfachere Prozesse endlich beginnen. Meine Herrin kennt einen Fall, da ist ein junger Mann, der seinerzeit 12 Jahre alt war, nach neun Jahren von der Familie seiner ehemaligen Spielgef√§hrtin verklagt worden, weil er laut deren Aussage die seinerzeit 6-j√§hrige vergewaltigt h√§tte. Seit Fr√ľhjahr 2002 l√§uft die Klage, ein Proze√ü ist bis heute nicht anberaumt. Der junge Mann aber darf seit nunmehr fast drei Jahren seine Eltern nicht mehr besuchen, die im selben Ort wie das angebliche Opfer wohnen. Er k√∂nnte dieses bedrohen. So ist die Familie auseinander gerissen, sie trifft sich bei den Gro√üeltern des "T√§ters", im Urlaub oder heimlich, wenn "die Luft rein ist."

Sich um Tarek Aziz zu k√ľmmern, anstatt solche Mi√üst√§nde anzuprangern, das sehen die franz√∂sischen Medien eher als ihre Aufgabe an.

Blök!
Euer Schaf
Widerständischer Berichterstatter

21. März 2005

Wehwehwehchen zum "iranischen und irakischen Widerstand"

(1) Ohne meine Tochter. arte Programm info, 21. Februar 2005
http://www.arte-tv.com/de/woche/244,broadcastingNum=446305,d ay=3,week=8,year=2005.html

Die palästinensischen Autonomiegebiete
http://www.arte-tv.com

(2) Tarek Aziz apelle au secours. Par Jean-Alphonse Richard. Info RTL, 14 mars 2005
http://www.rtl.fr/rtlinfo/article.asp?dicid=268495

Tariq Aziz. "Tariq Aziz is currently the Iraqi Foreign Minister". Iraqi News, 21 March 2005 (unverändert)
http://www.iraqinews.com/people_aziz.shtml

(3) Rouges-Bruns: une nouvelle passerelle, via Bagdad... Amnistia.net, 30 juin 2003
http://www.amnistia.net/siteabon/news/articles/fascdoss/aziz peti/azizpeti.htm

(4) Didier Julia et Philippe Brett. Les deux font la paire. Par Eric AESCHIMANN et Jean-Pierre PERRIN, Libération, 11 octobre 2004
http://www.liberation.fr/page.php?Article=245105

(5) Raffarin condamne toute "diplomatie parallèle". Par Libération.fr, 2 mars 2005
http://www.liberation.fr/page.php?Article=279436


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