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Gudrun Eussner
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Was das Schaf zu blöken hat...√∂ken hat...

Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Rassismus und Antirassismus in Frankreich

Liebe Freunde!

Nun ist Ostern, und ich lebe noch. Mit Kochtopf oder Spie√ü droht mir meine Herrin schon lange nicht mehr. Sie scheint endlich zu begreifen, was sie an mir hat. Darum auch sperrt sie mich jetzt, in den gef√§hrlichen Tagen, von Ostern bis zum Pessach-Fest in meinem Pferch ein. Damit ich aber nicht zu √ľberm√ľtig werde, tut sie so, als wenn es nicht deshalb ist, sondern weil ich angeblich immer Dummheiten mache. Ich bl√∂ke dazu schon gar nichts mehr; denn Menschen, die schaf verunsichert, sind unberechenbar und gef√§hrlich. Das gilt auch f√ľr meine Herrin. K√∂nnte sie nicht auf die Idee kommen, mich einfach davonzujagen und mich den Unbilden des Lebens zu √ľberantworten?

Ich sitze also in meinem Pferch und zupfe ein wenig am Heu, da h√∂re ich meine Herrin seufzen. Ich spitze das linke Ohr. Sie seufzt wieder. Ich spitze beide Ohren. Meine Herrin ist ganz traurig: "Schaf", sagt sie, "mit diesen Umfragen des Institut d¬ī√©tudes de march√© et d¬īopinion (BVA), des franz√∂sischen Markt- und Meinungsforschungsinstituts, und den Kommentaren der franz√∂sischen Medien, habe ich meine Last. Bei einem Umfragebericht stimmen die angegebenen Zeiten nicht, und der andere, von 2004, wird von den Medien kommentiert, ohne da√ü jemand der Leser √ľberhaupt die Gelegenheit hat, die Ergebnisse zu vergleichen. Ins Internet stellt BVA die Ergebnisse erst am 24. M√§rz 2005, als die Medien mit dem Kommentieren seit zwei Tagen durch sind. Da interessiert das keinen mehr, und nur der "Nouvel Obervateur" bringt noch einmal eine AP-Meldung. (1)

Merkw√ľrdig finde ich auch die √úberschrift: X√©nophobie, antis√©mitisme, racisme et anti-racisme en France. Der Antisemitismus wird schon hier eingepackt und fast aufgel√∂st in Fremdenfeindlichkeit, Rassimus und Anti-Rassismus. Entsprechend kommentieren die franz√∂sischen Medien den Bericht. Sie r√ľhren den Antisemitismus unter. Sieh doch mal, ob Du nicht die Zusammenfassung und vielleicht sogar den ausf√ľhrlichen Bericht darauf durchgehst, ob noch Erhellendes √ľber den Antisemitismus in Frankreich darin vorkommt." (2)

Ich kriege einen Schreck. Die Zusammenfassung ist 13 und der ausf√ľhrliche Bericht 63 Seiten lang. Wer soll das alles lesen? Bl√∂k!

Ich kann aber bald beruhigt sein; denn der Bericht handelt sowieso fast gar nicht vom Antisemitismus. Wie der "Nouvel Obervateur", am 24. M√§rz, richtig zitiert, liegt die Sorge um den Rassismus bei den Franzosen mit 23 Prozent der Nennungen nach der Sorge um die Arbeitslosigkeit, Armut und Unsicherheit an vierter Stelle, um f√ľnf Prozentpunkte h√∂her als 2003. Der Antisemitismus wird vom "Nouvel Observateur" gar nicht erw√§hnt, denn er ist mit sechs Prozent der Nennungen die allerkleinste Sorge der Franzosen, die f√ľnfzehnte von f√ľnfzehn. Im Vorjahr sind es vier Prozent der Nennungen. (3)

"Herrin", bl√∂ke ich, "mich macht dabei stutzig, da√ü keines der franz√∂sischen Medien dazu etwas zu sagen oder gar zu kritisieren hat. Die Journalisten berichten von 970 antisemitischen und von 595 rassistischen und fremdenfeindlichen Aggressionen, halten es aber nicht f√ľr n√∂tig, etwas dazu zu sagen, da√ü die befragten Franzosen den Antisemitismus offensichtlich f√ľr unwichtig halten. Im BVA-Bericht wird eine Erkl√§rung versucht: ein nicht zu vernachl√§ssigender Anteil der Franzosen, ungef√§hr ein Viertel, k√∂nne mit dem Begriff "Antisemitismus" nichts anfangen. Da werden j√ľdische Friedh√∂fe gesch√§ndet, Synagogen in Brand gesteckt, j√ľdische Schulkinder von ihren muslimischen Mitsch√ľlern gequ√§lt, die Medien berichten dar√ľber, und BVA erhebt, da√ü ein Viertel der Franzosen nicht genau wei√ü, was Antisemitismus ist."

"Nun ahnst du", erwidert meine Herrin matt, "warum mir dazu nichts mehr einfällt."

Damit Ihr, meine Freunde, einen Eindruck bekommt, was die Franzosen noch vor dem Antisemitismus bef√ľrchten, liste ich Euch alle f√ľnzehn Sorgen auf. In Klammern setze ich die Prozente der Nennungen, wobei es Mehrfachnennungen geben konnte:

Arbeitslosigkeit (51)
Armut (41)
Unsicherheit (27)
Rassismus (23)
Terrorismus (22)
Drogen (22)
Wirtschaftskrise (21)
Umweltverschmutzung (20)
Religiöser Integrismus (19)
AIDS (15)
Korruption und Affären (9)
Verlust der Identität Frankreichs (8)
Globalisierung (8)
Illegale Einwanderung (8)
Antisemitismus (6)

Die Antworten spiegelten die Sensibilit√§t der Franzosen gegen√ľber dem Thema wider, nicht etwa ihre eigene rassistische Haltung. Nur ein Prozent der Befragten wissen nicht zu erkl√§ren, was Rassismus ist, mit dem Begriff Antisemitismus k√∂nnen 25 Prozent nichts anfangen. BVA hat auch eine Erkl√§rung bereit: simple Ignoranz, und bei drei Prozent werde klar, da√ü sie nicht einmal ungef√§hr w√ľ√üten, was Antisemitismus ist.

Der Antisemitismus wird seiner marginalen Nennung wegen ab sofort subsumiert unter Rassismus und Diskriminierung. BVA stellt in zwei Listen von Fragen unterschiedliche Kategorien vor. Einmal wird gefragt nach Opfern von Rassismus und Diskriminierung von nationalen, ethnischen oder religi√∂sen Minderheiten, anderen Gruppen, den Armen, Behinderten, den Jugendlichen, Obdachlosen, Kindern, Frauen, Rentnern und alten Menschen sowie Homosexuellen, wobei die Franzosen 73 Prozent der nationalen, ethnischen oder religi√∂sen Minderheiten f√ľr diskriminiert und 81 Prozent f√ľr Opfer von Rassismus halten. Die Juden werden nicht gesondert erw√§hnt.

Bei der zweiten Liste der Kategorien von Rassismus und Diskriminierung wird auch nach den "Juden" gefragt - ausdr√ľcklich in Anf√ľhrungszeichen gesetzt: les "juifs". Die Kategorien im einzelnen (in Klammern die Nennungen f√ľr Rassismus und Diskriminierung): nationale, ethnischen oder religi√∂sen Minderheiten (81-73), Nordafrikaner/Muslime (46-35), Afrikaner/Schwarze (24-15), Fremde/Immigranten (19-26), "Juden" (15-11), Personen "mit anderer Hautfarbe" (10-11), Franzosen, Wei√üe, Europ√§er (6-5), Osteurop√§er (3-1), Asiaten (2-1), Zigeuner, Roma, fahrendes Volk (1-1). Die Nennung f√ľr die Kategorie nationale, ethnischen oder religi√∂sen Minderheiten ist unver√§ndert.

Die Art der Aufteilung beider Listen zeigt schon in der Fragestellung durch BVA eine Unschärfe der Begriffe. Wie die Befragten dazu eindeutige Antworten geben sollen, ist mir armem Schaf nicht klar. In der ersten Liste könnten Juden bei zwei Kategorien mit erfaßt werden, bei den "nationalen, ethnischen oder religiösen Minderheiten" sowie bei den "anderen Gruppen", in der zweiten gar bei sieben: nationale, ethnische oder religiöse Minderheiten, Nordafrikaner, Fremde, "Juden", Personen einer "anderen Hautfarbe", Franzosen/Europäer und Osteuropäer.

Auch zu diesen Fragestellungen ("Juden") und Nennungen haben die Medien nichts zu hinterfragen oder zu kommentieren. Sie setzen die Anzahl der Aggressionen, 970 zu 595, nicht in Beziehung zu den Wahrnehmungen der befragten Franzosen, f√ľr die dank der ununterbrochenen Verniedlichung des Antisemitismus durch die Regierung und die Medien die Hauptopfer Muslime, Afrikaner und Emigranten sind.

"Juden" und Personen "mit anderer Hautfarbe" kommen erst danach. Beide liegen in etwa gleichauf. Die Medien kommentieren auch nicht, da√ü f√ľr sechs bzw. f√ľnf Prozent der Befragten Franzosen, Wei√üe und Europ√§er Opfer von Rassismus und Diskriminierung seien. Der "Fran√ßais d¬īabord" des Front National sieht das ja ganz √§hnlich: Die Einheimischen vom CNCDH vergessen". (4)

Der "israelisch-pal√§stinensische Konflikt" st√§rke den Kommunitarismus bei Juden und bei Muslimen, sind die Franzosen zu 53 bzw. 56 Prozent der Meinung. Er lasse den Rassismus gegen Juden und Muslime ansteigen, meinen die H√§lfte der Befragten. Ein Drittel der Franzosen macht die Medien und ihre Berichterstattung daf√ľr verantwortlich, da√ü es zu vermehrten antisemitischen und antimuslimischen Akten komme - und zwar nicht die Art der Berichterstattung, sondern allein das Berichten selbst. Man sollte also die Aggressionen besser totschweigen, sagen die Befragten damit indirekt. Es sei auch v√∂llig √ľberfl√ľssig (39%) oder im gro√üen und ganzen √ľberfl√ľssig (29%), da√ü die Medien, wenn sie √ľber die Vorf√§lle berichten, die ethnische Zugeh√∂rigkeit der T√§ter mitteilen. Nur 28 Prozent finden das wichtig. 68 Prozent aller Befragten m√∂chte also lieber, da√ü die Herkunft der T√§ter im Dunkeln bleibt. Es k√∂nnte sonst ihr Weltbild gef√§hrden.

21 Prozent der Befragten finden, es werde zu viel √ľber die Judenvernichtung berichtet. Das alles ist den Medien keines Kommentares wert.

Liebe Freunde, ich habe nun genug von dieser Meinungsumfrage, und meine Herrin kriegt mich nicht dazu, mir das nun noch auf 63 Seiten im einzelnen anzusehen. Vorurteile in Frankreich gingen zur√ľck, steht in der Zusammenfassung. Andererseits ist ein signifikanter Anstieg der Ansicht zu verzeichnen, da√ü Schwarze, Juden und Muslime eine jeweils getrennte Gruppe in der Gesellschaft bildeten. 47 Prozent meinen, die Muslime hielten sich f√ľr eine besondere Gruppe, und 34 meinen das von den Juden (Anstieg von 25 auf 34 Prozent seit dem letzten Jahr). Die Ablehnung der j√ľdischen Religion wird nur noch durch die der muslimischen √ľbertroffen.

39 Prozent meinen, Rassismus sei durch nichts gerechtfertigt, wobei der Antisemitismus nicht gesondert erwähnt wird, und 58 Prozent erklären, bei bestimmtem Verhalten seien rassistische Reaktionen gerechtfertigt. Das heißt also: begeht ein muslimischer Jugendlicher einen Einbruchdiebstahl, kann man ihn als "dreckigen Muslim" bezeichnen. Begeht ein Jude eine Straftat, ist "dreckiger Jude" angebracht. Das meinen mehr als die Hälfte aller Franzosen!

Diejenigen von Euch, die französisch lesen können, mögen sich das selbst ansehen, wenn sie masochistisch sind. Ich habe die Schnauze erst einmal voll.

Blök!
Euer Schaf
"dreckiger Hammel"

26. März 2005

(1) Antisemitismus in Frankreich und kein Ende ..., 23. und 24. März 2005
http://www.eussner.net/artikel_2005-03-23_02-11-11.html

(2) Xénophobie, antisémitisme, racisme et anti-racisme en France. Synthèse des résultats 2004. BVA Actualité, Mars 2005 (13 Seiten)
http://www.bva.fr/new/barometre_racisme_synthese_050322.pdf

X√©nophobie, antis√©mitisme, racisme et anti-racisme en France. D√©cembre 2004. R√©sultats d¬īensemble
http://www.bva.fr/new/Barometre_racisme_rapport_050322.pdf

(3) Les Fran√ßais condamnent de fa√ßon ambigu√ę le racisme, selon un sondage. AP, Nouvel Observatuer, 24 mars 2005
http://permanent.nouvelobs.com/societe/20050324.FAP3272.html ?1433

(4) Les indig√®nes oubli√©s par la CNCDH. Fran√ßais d¬īabord, 22 mars 2005
http://www.frontnational.com/quotidien_detail.php?id_qp=386& art=4


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