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Was das Schaf zu blöken hat...√∂ken hat...

Der "ewige Wachposten" und die "freiwilligen Schnitter"

Liebe Freunde!

Was ist jetzt wieder mit meiner Herrin? Nie kann schaf wissen, was mit ihr los ist. Habe ich wieder "Dummheiten" gemacht? Ich blinzle vorsichtig aus meinem Pferch ins Wohnzimmer. Da sitzt sie teilnahmslos und l√§√üt die Tageszeitungen "Midi Libre" und "L´Ind√©pendant" v√∂llig unber√ľhrt. Auf diese Provinzbl√§tter st√ľrzt sie sich sonst immer gleich des Morgens, da dort regelm√§√üig √ľber die jeweils letzten Kapriolen des franz√∂sischen Pr√§sidenten, √ľber gutes katalanisches Essen und herrliche Weine berichtet wird. Jetzt gibt es zus√§tzlich Neuigkeiten √ľber die bei uns am sch√∂nen Mittelmeer in Sachen "Ja" und "Nein" zur Europ√§ischen Verfassung tingelnden Pariser Politiker. Nicolas Sarkozy ("Oui") und Laurent Fabius ("Non") sind die letzten, die es zu diesem Thema hierher verschl√§gt.

Ich mache mir Sorgen. Meine Herrin erwähnt nicht einmal, daß ich demnächst zur Schur anstehe. Hat sie es vergessen? Wenn ja, warum?

Der "ewige Wachposten"

Gestern und vorgestern schreibt sie √ľber die Berichte im "Midi Libre" aus Kabul des Richard Boudes und seinen Anti-Amerikanismus. Deshalb vielleicht ist sie sauer und spricht kaum mit mir. Ich will nach den Zeitungen angeln.

"Nimm die Klauen weg!" ruft sie b√∂se, "la√ü diese d√§mlichen Zeitungen liegen!" Dann verl√§√üt sie t√ľreschlagend die Wohnung, ohne sich nach mir umzudrehen und ohne sich zu k√ľmmern, ob ich noch genug Heu und Wasser in meinem Pferch habe. Die Zeitungen liegen in meiner Reichweite, so da√ü ich sie mit Klauen und Maul in den Pferch zerre. Nun bin ich gespannt, was Richard Boudes heute √ľber die Minen in Afghanistan schreibt: "Jeden Tag zwei Kinder durch Minen verletzt", wird er gestern angek√ľndigt, und meine Herrin erwartet einseitige Schuldzuweisung an die USA und Ausblendung der Verantwortung aller anderen Staaten, vor allem der ehemaligen Sowjetunion, f√ľr die heutigen Zust√§nde in Afghanistan.

Wie erstaune ich, da√ü im heutigen Bericht, auf Seite T03, nichts von Schuldzuweisung an die USA zu lesen ist. Haben sich vielleicht Leser beschwert, oder hat der Chefredakteur des "Midi Libre" mal in seine Zeitung geschaut und sich √ľber die schr√§gen √Ąu√üerungen seines Kabul-Korrespondenten gewundert?

"Mutil√© √† 11 ans par une ´sentinelle √©ternelle´ ", verletzt durch einen "ewigen Wachposten", hei√üt es √ľber die armen Menschen, die noch heute Opfer der seit 23 Jahren im Lande verstreuten Minen und Streubomben werden. "Sentinelles √©ternelles" nennt die Zeitung die Landminen. Sie sind ein Erbe von Kriegen gegen die Sowjetunion, zwischen den verschiedenen Gruppen der Mudjaheddin und gegen die Taliban, schreibt Richard Boudes. "Jeden Tag treten vier Afghanen auf eine Mine, davon zwei Kinder unter 14 Jahren." Schaf traut seinen Augen nicht. Dieser Satz bleibt ganz ohne Kritik an den USA. Er schreibt von einer italienischen NRO "Emergency War Victims" und deren Mitarbeiter Dr. Marco Garatti, der seit 1989 in der humanit√§ren Hilfe t√§tig ist. Schaf kriegt beim Googeln heraus, da√ü die NRO "Emergency" hei√üt. Sie hat ihren Sitz in Mailand. Auf der Web Site von "Emergency" kann schaf genauere Einzelheiten √ľber ihre Einrichtungen lesen. (1)

Richard Boudes berichtet √ľber die Aktivit√§ten des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK/ICRC), das in Afghanistan ein Orthop√§diezentrum unterh√§lt, wo den Opfern der Verletzungen durch Minen Prothesen nach Ma√ü angepa√üt werden. Auch hier wird ein Arzt vorgestellt, der Turiner Physiotherapeut Dr. Alberto Cairo, der nicht nur seit 15 Jahren f√ľr das IKRK in Afghanistan t√§tig ist, sondern auch makellos franz√∂sisch spricht. √úber ihn und von ihm kann man auf der Web Site des IKRK lesen. (2)

Um aber nicht eitel Freude aufkommen zu lassen, wird der Artikel nicht nur mit zwei Fotos √ľber das Orthop√§diezentrum angereichert, sondern noch mit einem dritten, auf dem die seit sechs Monaten f√ľr "Emergency" t√§tige finnische Krankenschwester Suzanna am Bette des jungen Schafhirten Ahmad sitzt, dem beide Beine durch eine Mine weggerissen wurden. Die Krankenschwester tr√§gt sichtlich eigens f√ľr das Foto um ihren Hals drapiert ein Pal√§stinensertuch. Es ist kaum anzunehmen, da√ü sie es bei der Arbeit tr√§gt; denn es w√ľrde sie nur behindern.

Schaf w√ľ√üte gern, wozu solche Demonstrationen gut sind. Was soll an wen als Botschaft r√ľberkommen?

Die "freiwilligen Schnitter"

Nun werfe ich noch einen Blick in den "Ind√©pendant" von heute. Dort wird auf Seite 17 unter der √úberschrift "Toulouse: 222 faucheurs d´OGM ne seront pas jug√©", 222 Ausrei√üer des genver√§nderten Mais werden nicht abgeurteilt, √ľber meine Lieblinge berichtet, die "Faucheurs volontaires", die freiwilligen Schnitter. Das sind die Politclowns Jos√© Bov√© und seine politischen Freunde, angereichert durch Hunderte begeisterter Anh√§nger, die Groupies. Ihr erinnert Euch? Am Sonntag, den 25. Juli 2004, begehen sie auf einem Versuchsfeld des Konzerns Pioneer unter Trommelkl√§ngen und den Rufen "OGM, nein, nein, nein!" eine "Handlung des zivilen Ungehorsams" und rei√üen unter den Augen von ungef√§hr drei√üig aufkl√§rerisch und ansonsten un-t√§tigen Polizisten und von Journalisten s√§mtlicher franz√∂sischer Medien mit blo√üen H√§nden den zu Versuchszwecken angebauten genver√§nderten Mais aus, eine Pflanze pro Ausrei√üer. (3)

222 dieser Groupies haben sich zus√§tzlich zu den neun Anf√ľhrern der franz√∂sischen Justiz gestellt, und wollen ebenfalls abgeurteilt werden. Die schlauen Ausrei√üer meinen, da√ü ein so gro√üer Proze√ü der organisatorischen Gegebenheiten in der Justiz sowie der √Ėffentlichkeit wegen nicht durchzuf√ľhren sei. Dar√ľber wird, am 8. November 2004, gerichtlich vom Tribunal correctionnel, dem Strafgericht zweiter Instanz f√ľr sie positiv entschieden. So gelingt es dem harten Kern um den "Bauernf√ľhrer" und Asterix-Verschnitt Jos√© Bov√© zun√§chst, die Justiz zum Narren zu halten und das Verfahren √ľber die "symbolischen Handlungen" zu verschleppen.

Nun schl√§gt die Justiz zur√ľck und macht aus dem Proze√ü ebenfalls eine "symbolische Handlung", in dem sie auf Antrag des Staatsanwaltes nur neun der Ausrei√üer juristisch verfolgt, "ihrer Bekanntheit wegen". So entscheidet das Berufungsgericht von Toulouse sehr zum Leidwesen der Maisausrei√üer gestern. (4)

Jos√© Bov√© ist derweil gerade mit seinen linksradikalen Freunden unterwegs, um f√ľr das "Nein" zur Europ√§ischen Verfassung zu trommeln. Er kann der Entscheidung nicht beiwohnen. In den Nachrichten des franz√∂sischen Fernsehens sieht man, wie gern sich auch gem√§√üigte Linke der Ablehnungsfraktion mit Jos√© Bov√© zeigen.

Der Prozeß gegen die neun Angeklagten soll am 20. und 21. September 2005 stattfinden. Die Anwälte lassen sich nicht beirren. Sie werden jetzt ihrerseits Berufung gegen die Entscheidung einlegen, wie Marie-Christine Etelin mitteilt, eine Anwältin der Beklagten. Es gehe hier nicht mehr um die Debatte um den genveränderten Mais, sondern daß die Regel der Nichtdiskriminierung von der Justiz verletzt werde. Das ist wirklich komisch.

Derweil finden die betroffenen Firmen das gar nicht komisch; denn durch die Tatsache, da√ü der Proze√ü jetzt bis nach der Sommerpause hinausgez√∂gert wird, entsteht f√ľr sie eine weitere Unsicherheit, da die bisher nicht verurteilten Maisausrei√üer schon jetzt im Gef√ľhl, au√üerhalb des Gesetzes oder dar√ľber zu stehen, ank√ľndigen, im n√§chsten Sommer weiterzumachen. Dies, obgleich der Justizminister Dominique Perben im Dezember 2003 den Saatgutherstellern verspricht, da√ü keine Zerst√∂rung eines Versuchsfeldes ungestraft bliebe. Aber Premierminister Jean-Pierre Raffarin verspricht ja auch Jahr f√ľr Jahr beim D√ģner des CRIF, da√ü energisch gegen den Antisemitismus vorgegangen wird, was nahezu zur Verdopplung der Taten f√ľhrt.

Die Gerichte sind hoffnungslos √ľberlastet, was die Maisaurei√üer und ihre Anw√§lte zu ihren Gunsten zu nutzen wissen. Man denke auch, da√ü die Gerichte sich mit F√§llen wie einer fast zehn Jahre zur√ľckliegenden angeblichen Vergewaltigung einer seinerzeit Sechsj√§hrigen durch einen Zw√∂lfj√§hrigen oder auch der Gruppe um Didier Julia wegen Zusammenarbeit mit ausl√§ndischen M√§chten zu befassen haben, wobei der erste Fall seit nunmehr fast drei Jahren nicht verhandelt ist. Wie sollen sie dann die Maisausrei√üer angemessen zur Verantwortung ziehen? (5)

Hinzu kommt der fehlende politische Wille auch auf Regierungs- und Gesetzgebungsebene. Er dr√ľckt sich durch die Empfehlung einer auf Initiative des Pr√§sidenten der Nationalversammlung Jean-Louis Debr√©, UMP, eingesetzten parlamentarischen Informationsmission aus, die, am 13. April 2005, eine Pause f√ľr die f√ľr 2005 geplanten Versuche vorschl√§gt. Jos√© Bov√© kommentiert das siegessicher und im Bewu√ütsein seiner Straffreiheit: "wenn die zust√§ndigen Minister kein Moratorium √ľber die Feldversuche ab 2005 verh√§ngen, dann werden die Freiwilligen Schnitter am 18. Juni zur Tat schreiten."

Der Pr√§sident der Informationsmission Jean-Yves Le D√©aut, PS, fordert die Einrichtung eines Conseil des biotechnologies: "so lange man den Rat f√ľr Biotechnologie, den wir fordern, nicht eingerichtet hat, darf man 2005 keine neuen Experimente machen, wenn man den B√ľrgerfrieden wieder herstellen will." (6)

Das ist der Sieg der Revoluzzer √ľber den Rechtsstaat.

Den Forschern kann man nur raten, ihre Versuche in andere Staaten zu verlagern und Frankreich mit seinen Maschinenst√ľrmern sich selbst zu √ľberlassen. Von 48 Versuchsfeldern werden 27 im Jahre 2004 durch die Gegner genver√§nderten Getreides zerst√∂rt. Das k√∂nnten sich die betroffenen Unternehmen sowieso nicht noch einmal leisten. Meine Herrin kennt einen Doktoranden, der seine Dissertation hinwerfen kann. Ihm, der nicht aus reichem Hause stammt, haben diese Friedens- und Biofreunde alles vermasselt. Die jungen Forscher sollten in andere Staaten auswandern, in die USA beispielsweise. Gegen die USA sind die 231 Maisausrei√üer mit Sicherheit, aber auch gegen den Fortschritt in ihrem eigenen Land. Genver√§ndertes Getreide wird bereits in die H√§lfte aller Staaten der Welt geliefert oder dort angebaut. Frankreich kann es sich offensichtlich leisten, sich vom Fortschritt abzukoppeln.

Wenn dann am 29. Mai im Referendum gegen die Einf√ľhrung der Europ√§ischen Verfassung gestimmt wird, m√ľ√üte auch die EU sich √ľberlegen, ob sie ihre weitere Entwicklung nicht ohne Frankreich weiterf√ľhren will. Wie schaf hier h√∂rt, gibt es schon ernsthafte √úberlegungen, die franz√∂sische W√§hrung wieder einzusetzen.

Blök!
Euer Schaf

15. April 2005

Auf diesen Misthaufen habe ich das gefunden:

(1) Emergency. Humanitarian Activities. Afghanistan: Enduring War
http://www.emergency.it/menu.php?A=002&SA=008&ln=En

(2) The ICRC in Afghanistan
http://www.icrc.org/eng/afghanistan

(3) Das Sonntagsvergn√ľgen des Bauern Jos√© Bov√© und der linksradikalen Politclowns, 26. Juli 2004
http://www.eussner.net/schaf_2004-09-18_22-52-20.html

(4) Plus de deux cents anti-OGM se font faucher leur procès. Par Gilbert Laval, Libération, 15 avril 2005
http://www.liberation.fr/page.php?Article=289787&AG#

Revers juridique pour les faucheurs volontaires d´un champ de ma√Įs transg√©nique. Par Herv√© Kempf, Le Monde, 15 avril 2005
http://www.lemonde.fr/web/article/0,1-0@2-3224,36-639494@51- 639103,0.html

(5) TOULOUSE, 15 avr 2005 (AFP). Faucheurs anti-OGM: les semenciers rappellent "la gravité des faits"
http://filinfo.france3.fr/popup_afp.php?nameRegion=sud&id=05 0415141824.xwe16fx0

(6) La mission sur les OGM demande "une pause en 2005", par Chloé Artigue, Stop Infos, le 15 avril 2005
http://www.stopinfos.com/?page=fr&id=422


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