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Was das Schaf zu blöken hat...öken hat...

Die neuesten Kapriolen des Jacques Chirac

Liebe Freunde!

Stellt Euch vor, meine Herrin macht mir VorwĂŒrfe, als sie gestern nach Hause kommt und sieht, was ich hier geblökt habe! (1)

"Schaf", fragt sie wĂŒtend, "wie kommst Du dazu, die staatsmĂ€nnischen Äußerungen des Jacques Chirac als ´Kapriolen´ zu bezeichnen? Was fĂ€llt Dir ein, mir nachzusagen, ich hĂ€tte dessen weitsichtige Politik so bezeichnet? Wenn ich von Kapriolen spreche, dann im Zusammenhang mit Deinen Eskapaden. Was macht denn Dein Freund, der Esel?"

Das ist nun aber gemein! Da schließt sie mich in meinem Pferch ein, und ich soll ihr jetzt ĂŒber diesen hergelaufenen Ă€ltlichen Esel mit dem langen Stengel Auskunft geben. Blök!

"Herrin, Du lĂ€ĂŸt mich ja nie raus aus meinem Pferch. Ich habe im ´IndĂ©pendant´ neulich von ganz herrlichen Eseln gelesen, die bei uns gezĂŒchtet werden, sie heißen burro catalĂ , sind schwarz und sehr lieb. Sie gelten als Ikone der Anti-Corrida! Könnten wir beide die nicht besuchen? (2)

Wir mĂŒĂŸten Kontakt aufnehmen mit den zwei junge Katalanen aus Banyuls, die das Stierkampf-Logo, das Du auf vielen Autos und Lastwagen hier sehen kannst, durch den störrischen hart arbeitenden Esel ersetzen wollen: el burro catalĂ . Ich habe solche lustigen Esel schon auf manchem Auto gesehen und hĂ€tte es gern, wenn Du auch einen auf Dein Auto klebtest." (3)

Soweit zu den leibhaftigen, nĂŒtzlichen Eseln, auf die sie nicht weiter eingeht.

"Du lieferst mir jetzt sofort ein Beispiel auch nur einer einzigen Kapriole des französischen PrĂ€sidenten, berichtet vom "Midi Libre" oder vom "IndĂ©pendant", oder ich schere Dir eigenhĂ€ndig Dein Fell, wobei ich mich vergessen und es Dir ĂŒber die Ohren ziehen könnte!"

Ich erbleiche und fange sofort an zu suchen. Was soll ich nur machen? Alle alten Zeitungen sind entsorgt. "Nichts ist so wertlos, wie eine Zeitung von gestern!" zitiert meine Herrin hin und wieder irgendeinen Philosophen alter Zeiten. Ich suche also in den heutigen Ausgaben, und mein Flehen zum Himmel wird erhört:

Auf der Seite 2 des "IndĂ©pendant" von heute liest schaf aus der Feder der Journalistin Sandra Canal: "Monsieur Chirac, je vous demande l´indĂ©pendance!" Herr Chirac, ich verlange von Ihnen die UnabhĂ€ngigkeit. Das schockiert mich. Was ist geschehen?

Wie Ihr vielleicht wißt, erwachen die Politiker in Paris allmĂ€hlich aus ihrer TrĂ€gheit und kĂŒmmern sich um Volkesmeinung, was die EuropĂ€ische Verfassung angeht. Siegessicher und ohne Not ordnet Jacques Chirac an, die EuropĂ€ische Verfassung mĂŒsse in Frankreich per Referendum angenommen werden. Das ist beispielsweise eine Kapriole. Der PrĂ€sident löst auch schon mal, wieder kapriolesk, am 21. April 1997, die Nationalversammlung auf, weil ihm sein Premierminister und Hilfsassistent Alain JuppĂ© weismacht, die Wahlergebnisse wĂŒrden fĂŒr ihn und die Seinen jetzt traumhaft ausfallen. (4)

Der PrĂ€sident einigt sich neulich mit dem neuen PrĂ€sidenten Spaniens JosĂ© Luis Rodriguez Zapatero darauf, daß der voran geht mit dem Referendum, und er meint, in Frankreich wĂŒrde das Referendum dann zum SelbstlĂ€ufer fĂŒrs "Ja".

Am 29. Mai stimmen die Franzosen ĂŒber die EuropĂ€ische Verfassung ab. Das "Nein" erhĂ€lt in den Umfragen von Tag zu Tag mehr AnhĂ€nger. Am Abend des 14. April hat Jacques Chirac seinen großen zweistĂŒndigen Auftritt im privaten Fernsehsender TF1. Er diskutiert dort nicht etwa mit BefĂŒrwortern und Gegnern der Verfassung aus Kreisen der Politik, Wirtschaft und Kultur, sondern er meint kapriolesk, daß er sich bei der Jugend anbiedern mĂŒsse. Von SOFRES per Internet-Umfrage ausgewĂ€hlte Jugendliche zwischen 18 und 30 Jahren nehmen am Auftritt des PrĂ€sidenten teil und dĂŒrfen von den Moderatoren der Medien vorgeprĂŒfte Fragen stellen.

Am selben Abend organisiert der Parti communiste français (PCF) gemeinsam mit dem Nationalisten vom Mouvement RĂ©publicain et Citoyen (MRC) und angeblichen Linken Jean-Pierre ChevĂšnement, dem Freund des Saddam Hussein, im Pariser Zenith ein rot-braunes Treffen der linken und linksradikalen Neinsager. Dort finden sich im Schulterschluß die ReprĂ€sentanten fast aller linken Richtungen vertreten: die PCF-Vorsitzende Marie-George Buffet, der Vertreter der linken Strömung "Nouveau Monde" im Parti Socialiste Jean-Luc MĂ©lenchon, der Rebell fĂŒr ein anderes Europa und Vorsitzende der Ligue Communiste RĂ©volutionnaire Olivier Besancenot, der PrĂ€sident von ATTAC France Jacques Nikonoff, die Globalisierungskritikerin und ehemalige Ministerin fĂŒr Kultur und Tourismus aus Mali Aminata TraorĂ©, der BĂŒrgermeister von Bastia, Mitglied des Parti Radical de Gauche Emile Zuccarelli, eine Gruppe der gegen das Gesetz Fillon kĂ€mpfenden OberschĂŒler, die SĂ€ngerin Juliette und, inmitten von diesen allen, von Gewerkschaftern, Feministen, BĂŒrgern, Jugendlichen, Um-, Dritt- und Hinterweltlern, mein Liebling, der nirgends fehlen darf, wo´s den Aufstand zu proben gilt, der "BauernfĂŒhrer" und Globalisierungsgegner JosĂ© BovĂ©. (5)

Der GeneralsekretĂ€r der niederlĂ€ndischen Sozialistischen Partei Tiny Kox macht mal eben seinen Landsmann Fritz Bolkestein nieder, und alle sind begeistert. JosĂ© BovĂ© erinnert an die Zeiten, da Bauern Schlösser und GefĂ€ngnisse zu Fall bringen. "C´est que du bonheur!" das ist das reine GlĂŒck, ruft der Senator des PS Jean-Luc MĂ©lenchon aus. "Pour moi, c´est une premiĂšre!", fĂŒr mich ist das hier eine Premiere, stimmt Olivier Besancenot ein und meint damit seine Zusammenarbeit mit dem PCF. Alle bejubeln gemeinsam das schöne GefĂŒhl der Einigkeit - leider einmal mehr in der Verneinung, wie es gestandene Linke seit Jahrzehnten nicht anders kennen. SelbstverstĂ€ndlich kann keiner der im Zenith versammelten Neinsager eine realisierbare Alternative vorstellen. Das ist allerdings auch nicht Thema des Abends, dann gĂ€be es nĂ€mlich nichts als Zwist. Oder kann mir Schaf einer mitteilen, was diese alle gemein haben könnten außer den Protest, das Streben nach Macht und den Wunsch, im Rampenlicht zu stehen? (6)

Was die Partei des protestierenden Emile Zuccarelli angeht, so wirkt dort der "Scharlatan der Information", Verschwörungstheoretiker und selbsternannte "Botschafter der Freiheit der MeinungsĂ€ußerung" Thierry Meyssan als NationalsekretĂ€r. Sein Werk "L´effroyable imposture", der grĂ€ĂŸliche Betrug, wird in deutscher Übersetzung verlegt unter dem Titel "11. September 2001. Der inszenierte Terrorismus. Kein Flugzeug traf das Pentagon", vom französischen in Deutschland lebenden Rechtsextremisten Pierre Krebs. (7)

Jacques Chirac widmet sich derweil den ausgewĂ€hlten Jugendlichen Frankreichs. Eine fĂŒr die Zeitschrift "Paris Match" durchgefĂŒhrte Umfrage am Tag nach diesem Auftritt ergibt, daß die Neinsager um ein Prozent zulegen, auf 56 Prozent. 69 Prozent der Befragten sind sich ihrer Entscheidung sicher, wĂ€hrend 31 Prozent meinen, sie könnten sie noch Ă€ndern. 35 Prozent der AnhĂ€nger des "Nein" und 31 Prozent der AnhĂ€nger des "Ja" sagen, der Auftritt des PrĂ€sidenten bei TF1 hĂ€tte nichts an ihrer Meinung geĂ€ndert, was nichts aneres bedeutet, als daß der Auftritt des PrĂ€sidenten mehr potentielle BefĂŒrworter als Neinsager verunsichert, woraus sich eine weitere Erhöhung der Anzahl der Neinsager ergeben wird. 23 Prozent wissen nach dem Auftritt immer noch nicht, ob sie mit "Ja" oder mit "Nein" stimmen sollen. (8)

Nun will ich aber endlich von der speziell uns, hier im Roussillon, angehenden neuesten Kapriole des Jacques Chirac blöken, sonst zieht mir meine Herrin doch noch das Fell ĂŒber die Ohren!

Ich halte also den "IndĂ©pendant" von heute in den Klauen und lese auf der Seite 2, was der per Internet-Umfrage von SOFRES, am 14. April, unter das jugendliche Publikum des Jacques Chirac geratene Feuerwehrmann Brice Lafontaine, aus dem 33 Kilometer von Perpignan entfernten CĂ©rĂ©t, mit dem kapriolenschlagenden PrĂ€sidenten erlebt. ZunĂ€chst einmal, wĂ€hrend der zweistĂŒndigen FernsehĂŒbertragung gar nichts; denn die Moderatoren nehmen seine Frage nicht in den Katalog auf: "Monsieur le PrĂ©sident, si nous, les Catalans votons oui Ă  la constitution europĂ©enne, quelle reconnaissance pouvons-nous espĂ©rer?" Herr PrĂ€sident, wenn wir Katalanen mit "Ja" zur EuropĂ€ischen Verfassung stimmen, welches Entgegenkommen könnten wir erhoffen?

Was könnte ein PrĂ€sident Frankreichs mit der Weitsicht des Jacques Chirac darauf antworten? Eure schöne Fahne wird neben der französischen auf dem ElysĂ©e-Palast gehißt? Die Minister und StaatssekretĂ€re verpflichten sich, mindestens einmal in der Woche unter den Suppen Bullinada du BarcarĂšs und l´ollada das EntrĂ©e zu wĂ€hlen? Sie fahren fort mit Fullat de Cotliure, Llagostada und Boles de picolats des AlbĂšres oder Fraginat Ă  l´all y oli de Baixas und zum Nachtisch gibt´s PyrenĂ€enkĂ€se und Rousquilles du Vallespir? Sie trinken dazu die guten Weine des Roussillon? Rancio doux und Rancio sec oder Vin forçat? Nicht nur mein Konkurrent um die nĂ€chste PrĂ€sidentschaft Nicolas Sarkozy oder mein getreuer Premierminister, letzterer inkognito, ohne daß sein Parteifreund und BĂŒrgermeister von Perpignan Jean-Paul Alduy das erfĂ€hrt, werden Ihr schönes Roussillon besuchen, sondern auch ich?

Also! Da tun die Moderatoren, die ihren PrÀsidenten kennen, doch gut daran, dem Feuerwehrmann Brice Lafontaine die Frage zu streichen, blök!

Der aber ist hartnĂ€ckig, störrisch wie der burro catalĂ . Er unterhĂ€lt sich mit dem PrĂ€sidenten nach der Fernsehsendung etwa zehn Minuten, lĂ€nger als manche andere, die gerade eben ein Autogramm erhaschen können, und stellt seine Frage. Die Antwort kommt prompt: "Vous n´avez qu´Ă  demander l´indĂ©pendance!" Sie brauchen nur die UnabhĂ€ngigkeit zu fordern. Der BĂŒrger aus CĂ©rĂ©t ist perplex. Es sieht so aus, als wenn der PrĂ€sident die Frage ernst nĂ€hme.

Stellt es Euch vor, liebe Freunde, im Zusammenhang mit den Aktionen der ETA im spanischen Teil des Baskenlandes zur Erlangung der UnabhĂ€ngigkeit. Die spanische Regierung bekĂ€mpft seit vielen Jahren derartige Bestrebungen. Die französischen Basken halten sich zurĂŒck. Die Katalanen SĂŒdkataloniens haben in Spanien eine grĂ¶ĂŸere Autonomie als die Nordkatalanen. Im spanischen Teil ist Katalanisch die erste Sprache, Spanisch die zweite. In Frankreich spricht man französisch. Die katalanische Sprache und Kultur haben hier noch immer MĂŒhe, gepflegt zu werden. Das ist eine alte Tradition, die auf die französischen Könige, mindestens auf Louis XI zurĂŒckgeht. Darauf will der Feuerwehrmann bei seiner Frage hinaus, er will wissen, ob die französische Regierung als Anerkennung fĂŒr ein "Ja" der Katalanen die Pflege der katalanischen Sprache und Kultur mehr fördern wĂŒrde. Was ist die Antwort des Jacques Chirac? "Vous n´avez qu´Ă  demander l´indĂ©pendance!"

Es ist ganz einfach: er macht sich ĂŒber den jungen BĂŒrger aus CĂ©rĂ©t in Nordkatalonien lustig. Er produziert eine seiner Kapriolen; denn er schiebt listig nach, daß die Franzosen der UnabhĂ€ngigkeit, nach der Brice Lafontaine gar nicht gefragt hat, nie zustimmen wĂŒrden: "MĂȘme avec un rĂ©fĂ©rendum vous n´obtiendrez pas gain de cause." Selbst mit einem Referendum werden Sie sich damit nicht durchsetzen.

So wirbt der französische PrĂ€sident bei den jungen BĂŒrgern um ein "Ja" zur EuropĂ€ischen Verfassung. Der Fragesteller dreht sich auf dem Absatz um und verlĂ€ĂŸt beleidigt die Szene. Nach einem Autogramm dieses PrĂ€sidenten fragt er nicht, sondern er sagt ihm: "Monsieur Chirac, je vous demande l´indĂ©pendance!" Herr Chirac, ich verlange von Ihnen die UnabhĂ€ngigkeit.

Blök!
Euer Schaf
BefĂŒrworter der EuropĂ€ischen Verfassung

16. April 2005

Hier habe ich gegrast:

(1) Der "ewige Wachposten" und die "freiwilligen Schnitter", 15. April 2005
http://www.eussner.net/schaf_2005-04-15_20-28-48.html

(2) burro catalĂ 
http://www.burrocatala.com/

"El seny i la rauxa"
http://escale.michel.monsite.wanadoo.fr/page7.html

(3) Fédération de liaisons anti-corrida. Comité F.L.A.C. Perpignan/Pyrénées-Orientales, headed by Jean-Pierre Dunyach
http://anti.corrida.free.fr/anglais/COMITES/Perpignangb.html

(4) La Dissolution de l´AssemblĂ©e Nationale
http://membres.lycos.fr/isabellebreil/dissolution.html

(5) PCF, europe-referendum.com, Le journal permanent du NON à la Constitution européenne, mardi 05 avril 2005
http://reseau.over-blog.com/article-244300.html

(6) Rebelles pour une autre Europe. Par Olivier Mayer. L´HumanitĂ©, 16 avril 2005
http://www.humanite.presse.fr/journal/2005-04-16/2005-04-16- 460409

(7) Le charlatan de l´info. par Jacqueline Remy. L´Express, 14 mars 2005
http://livres.lexpress.fr/portrait.asp/idC=9861/idR=8/idG=8

Der Terror des 11. September 2001: eine Inszenierung des US-MilitÀrs? editio de facto
http://www.editio-defacto.de/editio-defacto/HTML/RAHMEN/rahm en-start.htm

(8) RĂ©fĂ©rendum : Chirac n´arrive pas Ă  enryayer la progression du "non". FenĂȘtre sur l´Europe, 15 avril 2005
http://www.fenetreeurope.com/actu/2005/04/a_4106.htm


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