 
Die Maisausreißer und die symbolische Änderung der Politik durch Nicolas Sarkozy
Liebe Freunde!
Meine Herrin ist wieder böse auf mich. Schaf, wirft sie mir an den Kopf, und ich mache mich ganz klein in meinem Pferch, ich bekomme Beschwerden von meinen Lesern, die dein Geblöke nicht haben wollen. Sie bestreiten nicht, daß du für ein Schaf hin&wieder erstaunlich kluge Einwürfe machst, aber sie empfinden es doch als störend, daß sie sich Erkenntnisse von einem Schaf gefallen lassen sollen. Jetzt stelle ich drohend meine Ohren auf, so daß meine Tätowierung "Eins" deutlich in der Ohrmuschel zu sehen ist. Laß es sein, winkt meine Herrin ab, auch wenn du das allererste Schaf bist und noch vor den Affen und Schweinen rangierst, so ändert es nichts. Ich kriege es mit der Angst. Will sie mich auf den Abschied vorbereiten? Soll ich an den Spieß? Dann aber gibt sie sich kompromißbereit: Wenn du netto 72 Sympathie-Emails von Menschen - also nicht etwa von deinem Schafsfräulein aus den Pyrénées-Atlantiques! - von Menschen vorweisen kannst, dann darfst du wieder blöken. Ich scharre ratlos mit den Hufen: Was heißt denn bitte netto?
Ich sehe an deinen zu schmalen Schlitzen verengten Schafsaugen, daß du nun sinnierst, was netto ist, oder? fragt sie lauernd. Netto, das ist, wenn du die Protest-Emails mit den zustimmenden verrechnest. Wenn dann 72 übrigbleiben, so viele wie Jungfrauen auf den Märtyrer im Paradiese warten, dann darfst du´s wagen!
Der Tag ist heute gekommen. Meine Herrin schaut sich die eingegangenen Reaktionen auf mein Geblöke an und gesteht mir zu, daß genau 72 netto positive übrig sind. Ich verrate Euch aber nun nicht, wieviele negative meine Herrin oder ich bekommen haben, das würde meine Freunde und Bewunderer verunsichern, die gar nicht auf den Gedanken kommen, mich könnte jemand kritisieren.
Worüber willst du denn blöken? fragt mich meine Herrin lauernd. Untersteh´ dich, über den armen Journalisten Alan Johnston auch nur die Klaue zu rühren, nur weil die Terroristen ihn "abschlachten wollten wie ein Schaf". Du mußt dich nicht mit allem und jedem identifizieren. (1)
Das sitzt. Ich bin tatsächlich in Angst und Schrecken des friedlichen Islams wegen, aber sie hat recht, das Thema ist zu ernst für mich. Ich verkrieche mich unter das Heu in meinem Pferch, knabbere noch an einer Möhre und werde ganz still. Da kreischt meine Herrin plötzlich auf: Schaf, hier ist etwas für dich, damit kennst du dich aus, oder? Ich stelle die Ohren hoch: ??? Sie kriegt sich kaum ein: Die Maisausreißer des Sommers 2007 sind endlich da, und die neue Regierung des Nicolas Sarkozy reagiert auf sie wie die alte, durch Nichtstun.
Am Samstag brechen 100 Maisausreißer zum Wochenendvergnügen in den Südwesten Frankreichs auf, nach Fauga, im Landkreis Muret, in die Nähe von Toulouse, um ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen, dem Ausreißen von genverändertem Mais, pro Person wieder nur eine Pflanze, dann ist das symbolisch, und die Polizei schaut interessiert zu. Der staatliche Fernsehsender France 3 ist informiert und beliefert seine Kollegen vom staatlichen France 2, vom Sender des Charles Enderlin, mit Bildmaterial. Klickt bitte den Link zu France 2 an; Ihr könnt das Foto sogar vergrößern. Die französische Gesellschaft bekommt wie jedes Jahr ihren Spaß.
Da die Polizei untätig bleibt, müssen sich die Bauern selbst helfen, die den genveränderten Mais auf ihren Feldern anbauen. Sie rücken mit drei Traktoren an und blockieren für etwa zwei Stunden den abziehenden Faucheurs volontaires den Rückzug. Sie dürfen dankbar sein, daß die Polizei nicht gegen sie vorgeht, sie hält sich aus allem heraus, trennt die Für- und Widerstreiter, so daß die freiwilligen Schnitter in Ruhe ein Picknick abhalten können. Dann ziehen die Polizisten im Konvoi ab. Vor drei Jahren sieht das so aus: (2)
Aus einem benachbarten Sonnenblumenfeld nähern sich einige Polizisten, insgesamt nicht mehr als dreißig, die den Befehl haben, nicht einzuschreiten, sondern nur aufklärerisch tätig zu werden, die Leute zu fotografieren, Autokennzeichen zu notieren, die freiwilligen Ausreißer über die Gesetzwidrigkeit ihrer Handlung zu belehren und zum Schluß den angerichteten Schaden festzustellen.
Sämtliche Medien Frankreichs sind vorort vertreten und halten das im Sommerloch willkommene Schauspiel fest. Ein Hubschrauber der Polizei überfliegt die Szene.
Das Theater vom Januar 2005 ist mir ebenfalls in bester Erinnerung. Es geht um die Verhinderung der Einfuhr von genveränderten Sojakuchen nach Lorient. Piraten wollen das Frachtschiff "Golden Lion" entern. Das Greenpeace-Schiff "Esperanza" ist dazu im Einsatz. Wenn Ihr so richtig herzhaft lachen wollt, dann lest mein Geblöke Der Asterix-Verschnitt José Bové und die Sojakuchen. Man könnte es nicht erfinden, wie José Bové und seine Mitstreiter das Frachtschiff entern wollen, dabei über Bord gehen, und die medienwirksam geplante Aktion buchstäblich ins Wasser fällt, in die meterhohen Wellen des Atlantik. (3)
José Bové, der Präsidentschaftskandidat 2007 und Konkurrent des Nicolas Sarkozy , scheint diesmal nicht die Aktion zu leiten, vielleicht sitzt er ja gerade seine Strafe für frühere Ausreißereien ab?
In diesem Jahr ziehen die Faucheurs volontaires noch zu einer Belehrung der Bevölkerung nach Toulouse weiter, wo sie durch einen öffentlichen Versuch den Charakter der genveränderten Pflanzen demonstrieren wollen, kündigt Christine Thelen an, ein freiwilliges Schnitter-Mitglied. Sie fordern einen Stop des Anbaus, dessen Gefahren besonders für die Bienenzucht sie denunzieren. Gegen Ende des Artikels, auf der Site von France 2, wird einmal mehr deutlich, worum es geht: den USA zu schaden, dem géant américain Monsanto, dem amerikanischen Riesen Monsanto. (4)
Schon in meinem Geblöke Freiwillige Schnitter und "Phinéas" in Frankreich im Einsatz, vor fast drei Jahren, habe ich davon berichtet, von dem Anti-Amerikanismus, der diese Schnitter antreibt. Auch da tut die Polizei nichts, sie schaut tatenlos zu, wie selbsternannte Retter der Menschheit den Besitz anderer vernichten. Seinerzeit wird in wenigen Minuten ein Versuchsfeld von ungefähr 1200 Quadratmetern zerstört, auf dem Maissorten getestet werden, bei denen die Zugabe von Stickstoffdünger und die Bewässerung reduziert werden könnten - beides wohl durchaus im Sinne der Öko-Bewegung. (5)
In diesem Jahr werden Pflanzen der Züchtung MON810 ausgerissen, einer Maissorte, die gegen den Maiszünsler (Ostrinia nubilalis), einen der schlimmsten Schädlinge, immun ist. Greenpeace betreibt eigene Forschungen und behauptet, Gift werde produziert, das zwischen einer und 100 Einheiten pro Maiskolben variieren könne. (6)
Die Maissorte MON810 ist gegenwärtig die einzige genveränderte, die in Frankreich kommerziell angebaut werden darf. 2936 Hektar davon gibt es in diesem Jahr in ganz Frankreich, die französische Regierung stellt die Daten in Form von Tabellen, am 4. Juli 2007, unauffällig auf ihre Site. Aus diesen Tabellen geht hervor, daß an zwei Orten Frankreichs besonders viel Mais MON810 zu finden ist, einer davon ist der Kreis Muret mit 1414 Hektar, berichtet der Figaro. (7)
Greenpeace veröffentlicht am nächsten Tag auf seiner Site die Verteilung des Anbaus als Karte; so können die Faucheurs volontaires sich den besten Ort aussuchen, um die gute Tat unter den Augen von Polizei und Journalisten zu vollbringen. (8)
Selbst wenn diese Flächen geringer sind als die 30 000 bis 50 000 Hektar, die die Saatguthersteller zu bepflanzen hofften, so sind die 19 815 Hektar knapp 20 000 Hektar zuviel, erklärt Greenpeace, und, meine Freunde, Ihr habt es wieder klar erkannt: das bestimmen weder die Saatguthersteller, noch die Abnehmer des Mais noch gar die Regierung des starken Nicolas Sarkozy, sondern Greenpeace bestimmt, was zuviel ist. Ihr könnt sicher sein, daß die restlichen 10 000 bis 30 000 Hektar des genveränderten Mais woanders die Bauern reich machen, in Polen, Tschechien oder sonstwo in der EU oder den 61 Ländern, in denen Monsanto tätig ist. Der Bedarf ist gegeben, und Frankreichs Bauern werden von dort den genveränderten Mais importieren müssen, was die Kosten in die Höhe treibt. (9)
Frankreichs Bürger leisten damit selbstlos Entwicklungshilfe für die EU-Neulinge. In Deutschland hieß solches früher Förderung der Zonenrandgebiete. Aber bestimmt wird der Agrarfonds der EU den Ausgleich für Frankreich schaffen.
Frankreichs Präsident kennt derweil keine Gnade im Bruch mit der Politik seiner Vorgänger. Das aber gilt anscheinend nur für die Begnadigung von Häftlingen zum Nationalfeiertag. Die Faucheurs volontaires sind davon nicht erfaßt. Sie ziehen auch weiterhin maisausreißend durch die Lande, die Karte von Greenpeace in der einen, die ausgerissene Maisstaude in der anderen Hand. Derweil beantragen französische Jungforscher die Green Card und Bauern anderer Länder produzieren genveränderten Mais. (10)
Wenn es nicht so traurig wäre, könnte ich mich kaputtlachen!
Blök!
Euer Schaf
wegen MON810-Vergiftung röchelnd
8. Juli 2007
In welchen Feldern ich das fand:
(1) Cette Armée de l´islam issue du clan Doghmosh. Par P. S.-P. (Patrick Saint-Paul), Le Figaro, 5 juillet 2007, page 2
http://www.lefigaro.fr/international/20070705.FIG000000150_c ette_armee_de_l_islam_issue_du_clan_doghmosh.html
(2) Das Sonntagsvergnügen des Bauern José Bové und der linksradikalen Politclowns. 26. Juli 2004
http://www.eussner.net/schaf_2004-09-18_22-52-20.html
(3) Der Asterix-Verschnitt José Bové und die Sojakuchen. 28. Januar 2005
http://www.eussner.net/schaf_2005-01-28_00-32-46.html
(4) Monsanto. HQ in St Louis/USA
http://www.monsanto.com/monsanto/layout/default.asp
(5) Freiwillige Schnitter und "Phinéas" in Frankreich im Einsatz. 17. August 2004
http://www.eussner.net/schaf_2004-08-17_17-24-18.html
(6) Opération anti-OGM près de Toulouse. France2.fr, 8 juillet 2007
http://info.france2.fr/france/32632000-fr.php
(7) Site interministérielle sur les OGM. Gouvernement français
http://www.ogm.gouv.fr/
La carte du maïs transgénique en France. Par Laurent Suply (lefigaro.fr).
6 juillet 2007
http://www.lefigaro.fr/sciences/20070706.WWW000000546_la_car te_du_mais_transgenique_en_france.html
(8) Surfaces de maïs OGM en 2007. Greenpeace
http://www.greenpeace.org/raw/content/france/press/reports/c arte-des-surfaces-OGM.pdf
Surfaces OGM en France : 20 000 hectares de trop ! Greenpeace, 5 juillet 2007
http://www.greenpeace.org/france/news/20070705-surfaces-ogm- en-france
(9) Monsanto. Global Locations. Our Facilities Around the World
http://www.monsanto.com/monsanto/layout/about_us/locations/d efault.asp
(10) Politique d´ouverture: Sarkozy dans le droit fil de ses engagements de "rupture". AFP, Le Matin, 7 juillet 2007
http://www.lematin.ch/pages/home/depeches__1/monde/depeche_m onde?contenu=276228
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