 
Das Kalkül der ARD: Anne Will und Kurt Beck
Liebe Freunde!
Meine Herrin ist auf mich sauer. Schaf, sagt sie, geh´ in dich! Könnt Ihr mir sagen, was ich da drin soll? Das ist´s eh zu dunkel für mich. Noch dazu weiß ich einmal mehr nicht, was sie gegen mich hat, warum ich verschwinden soll. Launisch ist sie, blök!
Dann platzt es plötzlich aus ihr raus, ihr reicht es wieder einmal mit der ARD. Und was habe ich damit zu tun? Da giftet sie mich an: Warum ziehst du mich nicht einfach vom Ferni weg, als ich zum ersten Mal in meinem Leben die Ratesendung Star Quiz mit Jörg Pilawa eingeschaltet habe, um das Zimmermädchen "Seit wann kann Tanja putzen?" aus Sturm der Liebe in echt als Judith Hildebrandt zu sehen, und als dann schon wieder dieser Gnom mit Stachelbart Kurt Beck seinen Auftritt hat? Tanja/Judith ist zwar die witzigste und pfiffigste Person der ganzen Show, weiß sogar, daß Efeu gegen Husten hilft, während die anderen entweder langweilen oder sich verkrampft Sprüche abquälen, aber sie reißt´s nicht raus.
Meine Herrin hat recht. Die ARD entwickelt sich allmählich zur PR-Agentur des rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten und SPD-Vorsitzenden. Kurt Beck kriegt schaf neuerdings als Dröhnung. Dieser furchtlose Prominente wirft sich vor 7 Millionen Zuschauern in die Quizshow, und keiner sagt ihm, daß es gar nix nützt, ob er nun alle Fragen richtig beantwortet oder keine, er kommt nicht über die Rampe. (1)
Herrin, blöke ich schüchtern, am Sonntag, als es den Kurt Beck bei Anne Will gibt, da sehe ich, wie fasziniert du die Äußerungen der Gäste verfolgst, und jetzt isses wieder nicht richtig, warum nur, warum? Da packt sie mich bei den Hörnern und schüttelt mich wie lange nicht mehr: Bildest du dir ein, ich verfolge eine solche Sendung des Knuddel-Kurts wegen? Ich weiß nicht, wo mir der Schafskopf steht: Blö-ök-ööök???
Ich muß also davon ausgehen, daß du meinen letzten Artikel über die bräunlich-islamgrüne Soße mit der Rendite und dem fehlenden Respekt nicht gelesen hast? Wozu lasse ich dich an den Dell? (2)
Das ist nun aber gemein!
Ich versuche, mich rasch wieder beliebt zu machen, in dem ich ihr Thema und Gäste der nächsten Anne Will Langweilerei vorlese: "Deutschland vor dem Anschlag? Das Kalkül mit der Angst" soll die Sendung heißen. Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU), der ehemalige Innenminister Gerhart Baum (FDP), die Grünen-Fraktionschefin Renate Künast und der israelische Diplomat und Publizist Avi Primor machen mit. Die Gäste sind so sattsam ausgelutscht, daß es mir die krausen Schafshaare glatt und senkrecht vom Leibe sträubt. (3)
Da hat die ARD wieder einmal einen ihrer Lieblings-Israelis ausgepackt. Der äußert bestimmt nichts, was die Deutschen aus dem Schlaf hochreißen könnte, blöke ich vorlaut. Meine Herrin aber ist schon wieder bei der Sprache:
Schaf, mit diesem Titel der Sendung zeigt die Redaktion der Anne Will, welche Propaganda sie nächsten Sonntag auf die 5 Millionen oder weniger Zuschauer regnen wird: für die berechtigten Überlegungen der Politiker wählt sie den lateinischen Begriff Kalkül, der ist in diesem Zusammenhang negativ konnotiert, der meint Berechnung und Demagogik.
Herrin, blöke ich, ist das nicht übertrieben? Wie kommst du darauf? Kalulieren ist doch etwas Sachliches, mußtest du früher nicht in Mathe kalkulieren, erinnere dich bitte, du konntest das oft nicht, hast du mir selbst erzählt, deine Kalkulationen waren daneben.
Und dann muß ich eine Abhandlung über mich ergehen lassen über den Unterschied eines mathematischen und eines umgangssprachlichen Kalküls, das immer wertend gebraucht wird, ob positiv oder negativ, nie jedoch sachlich.
Gib Kalkül bei Google.de ein, und schon siehst du, was gemeint ist, antwortet meine Herrin spitz. Freunde, das mache ich jetzt, und ich finde einige nicht-mathematische Ergebnisse.
- Wikipedia der Volksbrockhaus für Eilige im Internet: So bedeutet der Ausdruck "ins Kalkül ziehen" umgangssprachlich eine bewertende Betrachtung einer möglichen Handlungsweise und entspricht somit dem Ausdruck "in die Überlegung einbeziehen".
- Lexikon des sociologicus: Kalkül, eine Vorausberechnung, deren Ergebnis in die Berechnung des Verhaltens anderer Menschen einbezogen wird.
- Süddeutsche Zeitung: anti-amerikanische Berichterstattung über den Einsatz privater Militärfirmen im Irak durch die Mächtigen im Weißen Haus zur Verschleierung der Kosten des Krieges und der vielen Toten.
- 11freunde.de: Zwischen Hätzbloot und Kalkül ... hat Christoph Daum eine Schwäche für Romantizismen oder beherrscht er bloß die hohe Kunst der Public Relation?
- Börsenblatt Online: Jedenfalls ist es nicht Zufall, sondern Kalkül, dass der List Verlag just an dem Erscheinungstag von "Potter V" seinen Titelhelden "Artemis Fowl" die Klingen kreuzen lässt.
- FAZ: Vergiftung Juschtschenkos ... wahltaktisches Kalkül?
Ins Kalkül gezogen, das ist in den deutschen Medien immer negativ, obgleich die Definitionen bei Wikipedia und beim sociologicus wertneutral sind. Wenn jemand kalkuliert, ist er bei Deutschen nicht gut angesehen, kein Wunder, ist die Kalkulation doch etwas Rationales, das die deutschen Romantiker gar nicht schätzen, das sie aber sehr wohl und oft mit großer Könnerschaft betreiben. Während der Süddeutschen Zeitung der Einsatz von Fremdenlegionären durch die französische Regierung selbstverständlich ist, wird George W. Bush für ähnliche Aktivitäten zur Schonung seines Militärs negativ bewertet. Sollte sich Christoph Daum mit seiner Hochzeit in Szene gesetzt haben, wäre das bloße PR, tut das aber Franz Beckenbauer mit großem Fest beim Stanglwirt, in Going, so ist das selbstverständlich und angemessen, wenn ein Verlag ein Buch zu einem optimalen Zeitpunkt auf den Markt bringt, so wird es für bemerkenswert gehalten, daß es sich um Kalkül handelt. Ja, bitte, was denn sonst? Und wenn die Ukraine im Vergleich zu Rußland wieder zurückfällt in der Gunst der deutschen Politik und Wirtschaft, dann ist der von Wiktor Juschtschenko geäußerte Verdacht, daß russische Kreise hinter seiner Vergiftung stecken könnten, wahltaktisches Kalkül. (4)
Soweit zum Kalkül, nun zur Denunzierung der Furcht als Angst. Wie in der vorigen Sendung, die Rendite statt Respekt betitelt ist, beginnt die Propaganda der ARD bereits in der Überschrift zur Sendung: "Deutschland vor dem Anschlag? Das Kalkül mit der Angst". Damit ist die Diskussion vorgezeichnet. Tatsachen, Informationen, sachliche Argumente werden es schwer haben, erst recht, wenn sie vom Innenminister Wolfgang Schäuble vorgetragen werden, der von Gästen eingerahmt ist, die seine politischen Kenntnisse weder haben noch sie gar teilen würden. Die vorgegebene Tendenz, die aus Erfahrungen mit den islamischen Terroristen erwachsene Furcht der Bevölkerung vor Anschlägen in Angst umzubenennen und sie somit zum Fall für den Psychiater umzuwidmen, geschieht aus dem Kalkül (!) heraus, die Politik der CDU-Mitglieder der Bundesregierung zu diskreditieren. Der vom Verteidigungsminister Franz Josef Jung in die Debatte gebrachte Abschuß eines entführten Passagierflugzeugs wird sicher ein Thema des Abends sein, ahistorische, von jeder Tatsache und Erfahrung losgelöste Behauptungen und Anwürfe werden den Abend bestimmen, die MSM trommeln schon jetzt unsisono, Wolfgang Schäuble male den Terrorteufel an die Wand, und die Bundeskanzlerin läßt die Minister ihrer eigenen Partei im Regen steh´n, in dem sie Wolfgang Schäuble und Franz Josef Jung vor aller Welt taktischer Fehlentscheidungen bezichtigt: Die Kanzlerin ist genervt vom Dauerzwist um die Bekämpfung des Terrorismus. (5)
Die deutsche Gartenlaube muß aufrecht erhalten werden, koste es, was es wolle; denn andernfalls wäre eine Revision deutscher Politik gegenüber einigen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens fällig, vor allem gegenüber dem Iran, aber auch die Politik Frankreichs und Großbritanniens gegenüber Saudi-Arabien, Libyen, dem Libanon harrte einer Neubewertung. Gernot Erler könnte sich dann nicht mehr so schamlos und scheinheilig in der Passauer Neuen Presse über den bösen Nicolas Sarkozy ausweinen, die deutschen Politiker der Regierungsparteien müßten endlich handeln.
Eine Kritik der Bevölkerung an der dilletantischen Anti-Terrorpolitik der deutschen Regierung zu verhindern, werden die Zuschauer der Anne Will vollgedröhnt mit "Deutschland vor dem Anschlag? Das Kalkül mit der Angst". Zusätzlich bringt die ARD in allen Sendeformaten, von Nachrichten über Polit-Talk bis zum Star Quiz mit Jörg Pilawa den knuddeligen SPD-Vorsitzenden Kurt Beck, der lieber ein Gläschen trinkt als die Bürger durch Warnungen vor möglichen Terroranschlägen zu ängstigen und gar mit Maßnahmen dagegen. Eines allerdings bedenken die ARD-Propagandisten nicht: Kurt Beck wird nie Kanzler. Wer die SPD vorn sehen möchte, der sollte Frank-Walter Steinmeier oder Peer Steinbrück aufbauen, besser jenen; denn Finanzminister haben von vornherein kein gutes Image. Beflissene Sozialdemokraten, deren einer der ARD-Programmdirektor Günter Struve ist, kommen aber nicht aus ihrem Apparatschikschema raus. Das ist wie in Frankreich, wo der Parti Socialiste nur mit Dominique Strauss-Kahn eine Chance gehabt hätte. Vertan - hier wie da.
Blök!
Euer Schaf
unerschrockener Heidschnuckenbock
21. September 2007
Quellen
(1) Sturm der Liebe. Judith Hildebrandt als Tanja Liebertz. DasErste.de
http://tinyurl.com/3c59cl
Star Quiz mit Jörg Pilawa, Das Erste, 20. September 2007
http://tinyurl.com/35enhx
(2) Anne Will, das raffende Kapital und die mißachteten Menschen.
17. September 2007
http://www.eussner.net/artikel_2007-09-17_20-02-12.html
(3) Anne Will. Deutschland vor dem Anschlag? Das Kalkül mit der Angst.
DasErste.de, Sendung: 23. September 2007
http://daserste.ndr.de/annewill/aktuellesendung/t_cid-426002 0_.html
(4) Kalkül. Gesellschaft. Lexikon der Grundbegriffe, sociologicus,
5. Juli 1999
http://www.socioweb.de/lexikon/lex_soz/k_n/kalkuel.htm
Das Kalkül der Mächtigen im Weißen Haus. Von Paul-Anton Krüger,
sueddeutsche.de, 18. September 2007
http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/748/133499/
Bundesligen. Zwischen Hätzbloot und Kalkül. 11 Freunde,
18. September 2007
http://tinyurl.com/2sqw33
"Artemis Fowl" sorgt am 21. Juni in Berlin für Magie. Börsenblatt Online,
11. Juni 2003
http://www.boersenblatt.net/sixcms/detail.php?id=56208
Vergiftung Juschtschenkos. Spuren von Kiew nach Moskau. Von Konrad Schuller, Kiew, FAZ.net, 11. September 2007
http://tinyurl.com/3cgfuz
(5) Koalitionsgezänk. Hart in der Sache - freundlicher im Ton. Der Tagesspiegel,
21. September 2007
http://tinyurl.com/2x9kvx
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