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Gudrun Eussner
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Was das Schaf zu blöken hat...öken hat...

Linke gegen Mao und Lenin

Liebe Freunde!

meine Herrin ist begeistert, sie ist so aus dem HĂ€uschen, daß sie mir heute noch kein böses Wort an den Schafskopf geworfen hat, im Gegenteil, sie sĂ€uselt und trĂ€llert.

Gebt es bitte zu, daß es ungewöhnlich ist, wenn ich, ohne durch instĂ€ndiges hungriges Blöken auf mich aufmerksam zu machen, Quellwasser, Möhren, frische FuttergrĂ€ser und WiesenkrĂ€uter, Löwenzahn, Wicken, BĂ€renklau, Wegerich, Fingerkraut, sogar einen neuen Mineralleckstein bekomme, das Wasser in den PyrenĂ€en geschöpft, GrĂ€ser und KrĂ€uter eigenhĂ€ndig von ihr mit der Sense gemĂ€ht und nicht achtlos in den Pferch geworfen wie gewöhnlich die Provinzzeitungen, sondern liebevoll hineingelegt, zelebriert.

Herrin, blöke ich, und mir schwinden fast die Sinne, was ficht dich an? Bereitest du mir gar eine Henkersmahlzeit? Sie schaut mich erstaunt an: Wie kannst du nur solches von mir annehmen?! Ich fasse Mut: Aber die Gaben all´, warum heute dieser Aufwand?

Da wedelt sie mit den Regionalzeitungen, und ich sehe, daß es einmal mehr nicht meinetwegen geschieht, daß sie so aufmerksam ist, sondern Midi Libre und L´IndĂ©pendant haben sie in Hochstimmung versetzt. Was ist es diesmal? blöke ich ernĂŒchtert. Georges FrĂȘche, es ist Georges FrĂȘche, ruft sie aus, dieser Mann hat mir schon soviel Freude bereitet, und nun setzt er noch eins drauf! Sie wirft die Zeitungen in meinen Pferch: Lies! Da steht es: Georges FrĂȘche gönnt sich 5 Statuen und eine neue Polemik. (1)

Mir quellen fast die Augen aus dem SchĂ€del. Der PrĂ€sident der Region Languedoc-Roussillon Georges FrĂȘche landet einen neuen Coup: "Es lebe Lenin, und es lebe die Oktoberrevolution!" ruft er vor einer vom 87-jĂ€hrigen Bildhauer François Cacheux modellierten drei Meter hohen, eine Tonne schweren Statue des RevolutionsfĂŒhrers aus und erhebt seinen rechten Arm, die Hand zur Faust geballt. Er weiht im Osten der Stadt Montpellier, im Einkaufszentrum Odysseum, einen Skulpturenpark von bedeutenden Politikern der Weltgeschichte des Zwanzigsten Jahrhunderts ein, der "Grands hommes du XXe siĂšcle", die ersten fĂŒnf sind angekommenen, Jean JaurĂšs, Charles de Gaulle, Winston Churchill, Franklin D. Roosevelt und Wladimir I. Lenin. DemnĂ€chst folgen Nelson Mandela, Mahatma Gandhi, Golda MeĂŻr, Gamal Abdel Nasser und Mao Tse Tung. Das Projekt kostet 1,8 Millionen Euro.

Das Einkaufszentrum werde in ganz Frankreich bekannt, freut er sich mit den GeschĂ€ftsleuten des Odysseums sowohl ĂŒber die Skulpturen als auch die Kontroversen, die seit mehr als zwei Jahren toben. Da entdeckt er in der Boeing-Stadt Seattle ein sieben Tonnen schweres Lenin-Denkmal und will es im HandgepĂ€ck mit nach Montpellier nehmen. Der Besitzer fordert 100 000 bis 170 000 Euro, die Transportkosten kĂ€men hinzu, und das Denkmal bleibt in Seattle. (2)

Da haben er und die Gemeindevertreter eine Idee; sie beauftragen einen französischen Bildhauer, zehn Statuen zu modellieren, und der Historiker Georges FrĂȘche kommentiert: "Aber nicht Erasmus, sondern Machiavelli hat recht: die Geschichte ist nicht moralisch ... Von 1917 bis 1923 hat Lenin das Antlitz der Welt verĂ€ndert, so wie auch Mao es verstanden hat, China seine WĂŒrde und seine Position als Großmacht zurĂŒckzugeben." DarĂŒber, und ob´s nicht anders mit weniger Opfern an Menschenleben und materiellen und finanziellen Werten möglich gewesen wĂ€re, kann man durchaus streiten, auch seine Ansichten ĂŒber Josef Stalin braucht man nicht zu teilen: "Die Wende im Krieg, das ist Stalingrad.Wenn die Russen die Deutschen nicht geschlagen hĂ€tten, wĂ€ren die Amerikaner niemals in der Normandie gelandet. Wenn Sie mich jetzt nach der Meinung ĂŒber diesen Mann fragen, er war ein finstrer Mörder. Mit dem Platz fĂŒr ihn tun wir die Arbeit des Historikers, es werden keine kleinen moralischen Geschichtchen gemacht. Alle großen MĂ€nner haben Blut an den HĂ€nden."

Eines ist jedenfalls richtig: Wenn Alternativen mÀchtig genug gewesen wÀren, sich durchzusetzen, dann hÀtten sie sich durchgesetzt.

Was jetzt an Empörung hallt und widerhallt, ist die absolute Heuchelei. Die Linken sind es, die Erben eben der Lenin, Stalin, Trotzky, Mao, die sich aufhĂ€ufeln und Lenin und Mao vom Sockel stoßen wollen. Das beantwortet Georges FrĂȘche: "Die Gesamtkosten fĂŒr die zehn Statuen betragen 1,8 Millionen Euro, ich fordere also, daß man diese Werke achtet. Wenn dann Dummköpfe sie beschĂ€digen, wird man Kopien anfertigen, so oft, wie es nötig sein wird. Bei 360 000 Euro/StĂŒck wird es der Steuerzahler sein, der das nicht schĂ€tzt ..." (3)

Wie wĂ€re es, solche Zerstörer endlich einmal zur Kasse zu bitten? Reichen nicht die Operationen der Faucheurs volontaires aus, der Freiwilligen Schnitter, die alles ausreißen, was ihnen nicht paßt? Gerade jetzt haben sie wieder gewĂŒtet, diesmal im Elsaß. Sie bescheren den Steuerzahlern SchĂ€den in Millionenhöhe und Frankreich einen nicht quantifizierbaren Imageverlust. (4)

Emmanuel Reynaud, RegionalsekretĂ€r der Écologie / Les Verts, der UmweltschĂŒtzer/GrĂŒnen des Languedoc-Roussillon, tobt auf seinem Blog: Wir setzen uns dafĂŒr ein, die Aufstellung der Statuen von Mao und Lenin in Montpellier zu verhindern und sie vom Sockel zu stoßen, wenn nötig. In Frankreich ist´s möglich und gesellschaftlich anerkannt, ganz unverblĂŒmt Straftaten anzudrohen; die MSM unterstĂŒtzen solches, ist ihnen doch neue Sensation und damit Auflagensteigerung gewiß. (5)

Der Partei gehört der den Lesern meiner Herrin bekannte Silvain Pastor als FunktionĂ€r an, es ist derjenige, fĂŒr den Georges FrĂȘche ein Haßobjekt dessen Israelfreundschaft wegen ist. (6)

Auf Facebook gibt´s ´ne eigene, von Emmanuel Reynaud eingerichtete Seite der KĂ€mpfer gegen Lenin und Mao. Da sind bereits 234 Mitglieder versammelt, und Links weisen zu geplanten Demonstrationen und VorschlĂ€gen, die Statuen zu stĂŒrzen, schaf kriegt sich nicht ein vor Lachen! (7)

Das vergeht aber rasch bei einem Blick aufs Personal von Écologie / Les Verts. 1974 stellen sie erstmalig einen PrĂ€sidentschaftskandidaten (1,32% der Stimmen), den "Agrarwissenschaftler des Hungers" RenĂ© Dumont. Die GrĂŒnen sind heute noch stolz auf ihn und verschweigen selbstverstĂ€ndlich seine Herkunft, fĂŒr sie ist er ein tiers-mondiste, ein Aktivist fĂŒr die Dritte Welt. Im zweiten Wahlgang habe sich der Kandidat persönlich, Ă  titre personnel, fĂŒr François Mitterrand ausgesprochen. Den wird er noch aus dessen Zeit als Vichy-FunktionĂ€r gekannt haben. Die GrĂŒnen können nicht hinwegtĂ€uschen darĂŒber, aus welchem rotbraunen Sumpf sie sich rekrutieren, Bezeichnungen wie "Amis de la Terre", Freunde des Bodens, bĂŒrgen dafĂŒr. (8)

Bei Pluriel Figures liest man ĂŒber den Agrarwissenschaftler RenĂ© Dumont: Aus ihm machte die Tatsache, vor dem Großen Krieg geboren zu werden, einen "völligen Pazifisten". Er formulierte mitten in den 30 Glorreichen Nachkriegsjahren des Aufschwungs eine wichtige Kritik des Produktivismus. FĂŒr dieses Werk ist er anerkannt worden. Aber vorher gab es einen dunkleren Abschnitt in seinem aktiven Leben. TatsĂ€chlich schrieb er, nachdem er gemeinsam mit den Nazis (sic!) gegen den Krieg kĂ€mpfte, Artikel ĂŒber die Landwirtschaft (dort zitierte er die Landwirtschaft der Nazis als Modell) in Terre française, Französischer Boden, einer pĂ©tainistischen Wochenzeitschrift, die fĂŒr die RĂŒckkehr zum Boden und zum bĂ€uerlichen Standesdenken eintrat. (9)

Passend zu RenĂ© Dumont ist der Sprecher der GrĂŒnen Jean BriĂšre, der Mitte der 90er Jahre wegen "antisemitischer" Entgleisungen aus der Partei ausgeschlossen wird. Sein einziges Verbrechen war es, die kriegerische Rolle Israels und der zionistischen Lobby anzuklagen (die beiden Irakkriege (sic!), den Libanon, PalĂ€stina und morgen den Iran). (10)

In Deutschland ist am bekanntesten Daniel Cohn-Bendit, OdenwaldschĂŒler von Ernest Jouhy, aktiv im anti-amerikanischen Kampf, prominenter Sprecher der Pariser Mai Revolution von 1968. Dieser FĂŒhrer der Massen ist Politikstratege der Écolos/GrĂŒnen, seine Bedeutung sieht schaf schon allein an der beeindruckenden Website. Meine Herrin erblaßt vor Neid, sehe ich gerade!

Daniel Cohn-Bendit, Paris, Wien, Amsterdam, Budapest, Hamburg, BĂŒro BrĂŒssel, BĂŒro Straßburg, als letzten Gruß ein kleines schwarzes Sternchen auf dem "i" von Daniel, das ist der Rest vom Fest des linken Revoluzzertums. (11)

Ich habe niemals diese Notwendigkeit verstanden, sich in revolutionÀren Ikonen wiederzuerkennen: Trotzky, Che Guevara, Lenin, Stalin, Mao, sagt er in einem Interview zu einem anonymen Interviewpartner, in einem SelbstgesprÀch. (12)

Wie wĂ€r´s stattdessen mit Nestor Makhno, den kaum einer kennt? Einen FĂŒhrer braucht, wer FĂŒhrer werden will, von nichts kommt nichts. (13)

Soviel Verleugnung der politischen Vorbilder hĂ€tten sich seine Genossen aus dem SDS gewiß niemals trĂ€umen lassen. Ein Beispiel sei die Schilderung der politischen Vorbilder durch Klaus Meschkat. Wohin schaf auch klickt, kaum einer verleugnet die Vorbilder so wie Daniel Cohn-Bendit, fĂŒr den es eine einzige Ikone gibt, nĂ€mlich sich selbst. (14)

Er erwĂ€hnt auch nicht den Antisemitismus, der nach dem Sechstagekrieg im SDS ausbricht, und der sich zusammen mit der Begeisterung fĂŒr die PalĂ€stinenser bis heute flĂ€chendeckend ĂŒber die linken Bewegungen Europas ausbreitet, vom Parti Socialiste bis zum Nouveau Parti Anticapitaliste, von den GrĂŒnen bis zur Linkspartei. Wen wundert´s, daß solche Kreise Lenin und Mao am liebsten vergessen, und erst recht den RegionalprĂ€sidenten Georges FrĂȘche, den nachgewiesenen Freund Israels? Es kĂ€men nur Fragen auf, Fragen von der und an die Geschichte.

Es gibt noch andere Politiker, die empört sind ĂŒber die Statuen, es sind die Rechtsextremen um den NationalsekretĂ€r Alain Jamet, den VizeprĂ€sidenten des Front National. In einem KommuniquĂ© erklĂ€rt er, Wladimir I. Lenin sei ein "blutrĂŒnstiger VerrĂŒckter" gewesen, ein "Monster ohne Glauben und Recht". Er wendet sich gegen "diese Beleidigung der Toten, der Geschichte und der Erinnerung"; schaf könnte meinen, der Front National wolle den Krieg Nazideutschlands gegen die Sowjetunion nachstellen und gemeinsam mit Frankreich nachtrĂ€glich gewinnen. (15)

Nun ist Euer Schaf aber gespannt, wie´s mit Lenin und Mao weitergeht, zunĂ€chst mit Lenin, der ist schon da. Darf schaf darauf hoffen, daß Ă€hnlich wie es mit den Faucheurs volontaires, den Mais- und Weinstockausreißern, geht, ´ne Hundertschaft Polizei und zahlreiche Lokalberichterstatter der regionalen und ĂŒberregionalen Zeitungen interessiert bis begeistert zusehen, wenn die Antifaschisten ihre Pflicht tun und den Lenin herunterreißen wie die Amerikaner seinerzeit den Saddam Hussein? Wenn sich die Linken auf kurzem Wege ihrer Vergangenheit entledigen? Vielleicht stiften die GebrĂŒder Cohn-Bendit stattdessen ´ne Nestor Makhno Statue oder ´nen Doppeldenkmal fĂŒr sich selbst?

Blök!
Euer Schaf
fĂŒr ´ne George FrĂȘche Statue

19. August 2010

Wo ich das braungrĂŒne Zeugs ausgerupft habe:

(1) Montpellier. Georges FrĂȘche s´offre 5 statues et une nouvelle polĂ©mique.
Par Estelle Devic, L´IndĂ©pendant, 19 aoĂ»t 2010
http://tinyurl.com/2dssag5

(2) FrĂȘche rĂȘve dÂŽune statue de LĂ©nine Ă  Montpellier. Par Samuel Potier,
Le Figaro, 16 janvier 2008
http://tinyurl.com/3x8n8p

(3) PolĂ©mique. A Montpellier, Georges FrĂȘche persiste et signe au nom de l´Histoire. Midi Libre, 18 aoĂ»t 2010
http://tinyurl.com/38qszqp

Georges FrĂȘche im Archiv meiner Herrin
http://tinyurl.com/2vkcb4m

(4) Frankreich. Linke im Krieg zur Rettung der Menschheit. 16. August 2010
http://www.eussner.net/artikel_2010-08-16_11-14-49.html

Faucheurs volontaires im Archiv meiner Herrin
http://tinyurl.com/327hocp

(5) Nous empĂȘcherons l´installation des statues de Mao et LĂ©nine Ă  Montpellier.
Par manu, Manu Reynaud, 17 août 2010
http://manureynaud.fr/?p=55

(6) Silvain Pastor im Archiv meiner Herrin
http://tinyurl.com/yhccsv4

L´Ă‰cologie / Les Verts Languedoc-Roussillon
http://lesverts.fr/article.php3?id_article=387

(7) Nous empĂȘcherons l´installation des statues de Mao et LĂ©nine Ă  Montpellier.
Facebook
http://www.facebook.com/group.php?gid=255548102303&v=info&re f=ts

Montpellier. Un groupe Facebook contre la statue de LĂ©nine. Midi Libre,
17 août 2010
http://tinyurl.com/339a67w

(8) Histoire des Verts. Les Verts Paris, 22 octobre 2005
http://paris.lesverts.fr/article.php3?id_article=876

(9) René Dumont (1904 - 2001). Pluriel Figures
http://pluriel.free.fr/dumont.html

(10) Le RĂŽle belligĂšne d´IsraĂ«l - Jean BriĂšre. 20minutes.fr, 6 janvier 2009
http://tinyurl.com/2wco49j

Racisme et antisĂ©mitisme Ă  gauche. Ras l´Front Strasbourg,
12 décembre 1997
http://membres.multimania.fr/rlfstbg/racisme/daeninckx.html

(11) Daniel Cohn-Bendit. The Greens. European Free Alliance
http://www.cohn-bendit.eu/

(12) "Oubliez Mai 68". Dany Cohn-Bendit. Entretiens, 26 mars 2008
http://www.cohn-bendit.de/dcb2006/fe/fr/fr/dct/518

(13) The Makhno Movement and Opposition Within the Party.
By Daniel Cohn-Bendit and Gabriel Cohn-Bendit, 1968.
The Nestor Makhno Archive
http://www.nestormakhno.info/english/cohnbendit.htm

(14) Zur Geschichte unseres Internationalismus. Von Klaus Meschkat,
Friedrich-Ebert-Stiftung, 8. Dezember 2008
http://www.feschina.net/Files/081208-8.pdf

(15) Communistes assassins ! NP Info Languedoc-Roussillon, 18 août 2010
http://www.nationspresse.info/?p=108955


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